#Fluchtmythen – Das muss man doch noch erklären dürfen!

Kassandra BeckerAllgemein0 Comments

Unsere #Fluchtmythen-Kampagne schickt Mythen und die eigentlich dahinterstehenden Fragen auf Stickern in den öffentlichen Raum. Ein Aufruf sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden zu geben, sich auch über komplexe Themen zu informieren und konstruktiv mitzudiskutieren. Den ersten Artikel der Reihe gibt es auf unserem Polis Blog.

Was haben wir nach einem Jahr Debatten eigentlich gelernt?

Flüchtlinge. Kaum ein Wort hat den gesellschaftlichen, politischen und medialen Diskurs des letzten Jahres mehr geprägt. Kaum ein Thema wird so kontinuierlich und hitzig debattiert. Kaum ein Thema das ähnlich stark polarisiert. Begriffe wie „sichere Herkunftsstaaten“, „Dublin-System“, „Duldung“ und „Abschiebung“ wanderten aus den sonst überschaubaren NGO-, Wissenschafts- und Rechtsdebatten in die Schlagzeilen großer Tageszeitungen. Sie wurden zu Themen abendlicher Talkshows und vielerorts Grund, um neue Initiativen und Freiwilligengruppen ins Leben zu rufen. Zieht man nun nach etwa einem Jahr Diskussion Bilanz, drängt sich doch eine Frage auf: Was haben wir eigentlich aus all den Debatten gelernt?

Mythen als Überbleibsel medialer Debatten?

Angesichts der Forderungen rechtspopulistischer Parteien – und ihrem wachsenden Zulauf – vielleicht nicht genug. Diese warnen unter anderem vor der ‚Einwanderung in die europäischen Sozialsysteme’ und behaupteten so manches mal, es handele sich bei MigrantInnen nicht um ‚richtige Flüchtlinge’ sondern lediglich um ‚Wirtschaftsmigranten’ auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch wer gilt eigentlich in Europa als Flüchtling? Würde man PassantInnen auf der Straße fragen, anhand welcher Kriterien man diese Frage beantworten könnte, wie viele würden die Genfer Flüchtlingskonvention nennen, wie viele den Unterschied zwischen Asyl, humanitärem Schutz und einer Duldung kennen? Was in den Köpfen bleibt, ist meistens nicht das Wissen über die Kriterien, sondern das Bild ‚des mittellosen Geflüchteten’. Dieser sich beständig haltende Mythos steht jedoch im Gegensatz zu den horrenden Summen, die eine Flucht nach Europa kostet: mehrere tausend Euro, die man als mittelloses Individuum kaum aufbringen könnte, oder?

„Mama, warum kommen Flüchtlinge eigentlich nicht mit dem Flugzeug?“

Und warum eigentlich tausende von Euro für die Überfahrt mit einem überfüllten Schlauchboot zahlen, wenn ein Flug nur ein paar hundert Euro kosten würde? Die Frage, die auch das Zentrum für Politische Schönheit mit seiner aktuellen Kampagne aufwirft, hat trotz zahlreicher politischer Debatten über und Maßnahmen gegen die sogenannte Schlepperkriminalität kaum Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden. Höchste Zeit sie zu beantworten – auch ganz ohne den Einsatz von Tigern.

Unqualifiziert oder potentielle Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt?

Mythen rund um die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten gibt es trotz zahlreicher Analysen im letzten Jahr viele. Besonders interessant sind jedoch die, die einander widersprechen: „Flüchtlinge sind alle ungebildet und deshalb einer Belastung der europäischen Sozialsystem“ schreien die einen, „Flüchtlinge nehmen uns die Jobs weg“ die anderen. Was sich hinter diesen Parolen eigentlich verbirgt, sind Fragen nach Qualifikationsanerkennung und die Herausforderung des demographischen Wandels.

Grenzkontrolle vs. Humanitäre Verpflichtungen?

Auch PolitikerInnen nehmen den Weltflüchtlingstag zum Anlass, Bilanz zu ziehen. So betonte der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, dass es zwar nach wie vor viele Herausforderungen gäbe, dass man aber dem Ziel „Europas Außengrenzen wieder unter Kontrolle zu bringen“ bereits ein großes Stück näher gekommen sei. Ein zentrales Element dessen ist das kürzlich geschlossene Abkommen zwischen der EU und der Türkei, das die Zahl der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge reduzieren soll. Was auf den ersten Blick als einfache Lösung erscheint, entlarvt sich auf den zweiten Blick jedoch als komplexes politisches und juristisches Gebilde. Wer das Abkommen als effektive Lösung feiert, sollte sich auch die Frage stellen, inwiefern es eigentlich im Einklang mit unseren humanitären Verpflichtungen steht, welche und wie viele Geflüchtete eigentlich von dem sogenannten 1:1 Mechanismus profitieren und welche moralischen Fragen dies aufwirft.

Nachfragen, informieren, diskutieren.

In Zeiten, in denen PolitikerInnen weltweit mit ‚einfachen Antworten’ zu Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik für Stimmung sorgen und dafür mehr und mehr Zuspruch erhalten, stellt sich vielen die Frage, wie man dem entgegentreten soll. Man kann sich dem Populismus und seinen Regeln der Reduzierung auf einfache Antworten auf komplexe Fragen beugen. Oder man wählt den naheliegendsten Schritt: Man fragt nach. Einer komplexen Frage muss nicht unbedingt eine schwierige Antwort folgen.

Nach diesen Antworten suchen unsere Polis-AutorInnen in den nächsten Wochen auf dem Polis Blog.

Über uns

Polis180 ist ein Grassroots-Thinktank für Außen- und Europapolitik. Durch unseren partizipativen, inklusiven und innovativen Ansatz erschließen wir neue Wissens- und Ideenquellen in der politischen Debatte. Mehr zu Polis finden Sie hier.

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