Hertie Innovationskolleg

Kitchen on the Run in Bildern

Seit fast fünf Monaten sind wir inzwischen mit unserer mobilen Containerküche unterwegs. Wir waren in Italien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und sind nun in Schweden. Gut 2.000 Menschen aus über 65 Ländern haben bereits mit uns gekocht und gegessen, gelacht und getanzt, geweint und Geschichten ausgetauscht.
In jedem Land, an jedem Standort, aber auch an jedem Kochabend machen wir neue, andere Erfahrungen, lernen viele persönliche Wege des Ankommens und des Auf-Einander-Zugehens kennen.
Wie wir den Standort in Deutschland, konkret in Duisburg-Neumühl, erlebt haben, könnt Ihr in unserer aktuellen YouTube Episode oben sehen.

#Fluchtmythen – Das muss man doch noch erklären dürfen!

Unsere #Fluchtmythen-Kampagne schickt Mythen und die eigentlich dahinterstehenden Fragen auf Stickern in den öffentlichen Raum. Ein Aufruf sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden zu geben, sich auch über komplexe Themen zu informieren und konstruktiv mitzudiskutieren. Den ersten Artikel der Reihe gibt es auf unserem Polis Blog.

Was haben wir nach einem Jahr Debatten eigentlich gelernt?

Flüchtlinge. Kaum ein Wort hat den gesellschaftlichen, politischen und medialen Diskurs des letzten Jahres mehr geprägt. Kaum ein Thema wird so kontinuierlich und hitzig debattiert. Kaum ein Thema das ähnlich stark polarisiert. Begriffe wie „sichere Herkunftsstaaten“, „Dublin-System“, „Duldung“ und „Abschiebung“ wanderten aus den sonst überschaubaren NGO-, Wissenschafts- und Rechtsdebatten in die Schlagzeilen großer Tageszeitungen. Sie wurden zu Themen abendlicher Talkshows und vielerorts Grund, um neue Initiativen und Freiwilligengruppen ins Leben zu rufen. Zieht man nun nach etwa einem Jahr Diskussion Bilanz, drängt sich doch eine Frage auf: Was haben wir eigentlich aus all den Debatten gelernt?

Mythen als Überbleibsel medialer Debatten?

Angesichts der Forderungen rechtspopulistischer Parteien – und ihrem wachsenden Zulauf – vielleicht nicht genug. Diese warnen unter anderem vor der ‚Einwanderung in die europäischen Sozialsysteme’ und behaupteten so manches mal, es handele sich bei MigrantInnen nicht um ‚richtige Flüchtlinge’ sondern lediglich um ‚Wirtschaftsmigranten’ auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch wer gilt eigentlich in Europa als Flüchtling? Würde man PassantInnen auf der Straße fragen, anhand welcher Kriterien man diese Frage beantworten könnte, wie viele würden die Genfer Flüchtlingskonvention nennen, wie viele den Unterschied zwischen Asyl, humanitärem Schutz und einer Duldung kennen? Was in den Köpfen bleibt, ist meistens nicht das Wissen über die Kriterien, sondern das Bild ‚des mittellosen Geflüchteten’. Dieser sich beständig haltende Mythos steht jedoch im Gegensatz zu den horrenden Summen, die eine Flucht nach Europa kostet: mehrere tausend Euro, die man als mittelloses Individuum kaum aufbringen könnte, oder?

„Mama, warum kommen Flüchtlinge eigentlich nicht mit dem Flugzeug?“

Und warum eigentlich tausende von Euro für die Überfahrt mit einem überfüllten Schlauchboot zahlen, wenn ein Flug nur ein paar hundert Euro kosten würde? Die Frage, die auch das Zentrum für Politische Schönheit mit seiner aktuellen Kampagne aufwirft, hat trotz zahlreicher politischer Debatten über und Maßnahmen gegen die sogenannte Schlepperkriminalität kaum Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden. Höchste Zeit sie zu beantworten – auch ganz ohne den Einsatz von Tigern.

Unqualifiziert oder potentielle Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt?

Mythen rund um die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten gibt es trotz zahlreicher Analysen im letzten Jahr viele. Besonders interessant sind jedoch die, die einander widersprechen: „Flüchtlinge sind alle ungebildet und deshalb einer Belastung der europäischen Sozialsystem“ schreien die einen, „Flüchtlinge nehmen uns die Jobs weg“ die anderen. Was sich hinter diesen Parolen eigentlich verbirgt, sind Fragen nach Qualifikationsanerkennung und die Herausforderung des demographischen Wandels.

Grenzkontrolle vs. Humanitäre Verpflichtungen?

Auch PolitikerInnen nehmen den Weltflüchtlingstag zum Anlass, Bilanz zu ziehen. So betonte der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, dass es zwar nach wie vor viele Herausforderungen gäbe, dass man aber dem Ziel „Europas Außengrenzen wieder unter Kontrolle zu bringen“ bereits ein großes Stück näher gekommen sei. Ein zentrales Element dessen ist das kürzlich geschlossene Abkommen zwischen der EU und der Türkei, das die Zahl der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge reduzieren soll. Was auf den ersten Blick als einfache Lösung erscheint, entlarvt sich auf den zweiten Blick jedoch als komplexes politisches und juristisches Gebilde. Wer das Abkommen als effektive Lösung feiert, sollte sich auch die Frage stellen, inwiefern es eigentlich im Einklang mit unseren humanitären Verpflichtungen steht, welche und wie viele Geflüchtete eigentlich von dem sogenannten 1:1 Mechanismus profitieren und welche moralischen Fragen dies aufwirft.

Nachfragen, informieren, diskutieren.

In Zeiten, in denen PolitikerInnen weltweit mit ‚einfachen Antworten’ zu Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik für Stimmung sorgen und dafür mehr und mehr Zuspruch erhalten, stellt sich vielen die Frage, wie man dem entgegentreten soll. Man kann sich dem Populismus und seinen Regeln der Reduzierung auf einfache Antworten auf komplexe Fragen beugen. Oder man wählt den naheliegendsten Schritt: Man fragt nach. Einer komplexen Frage muss nicht unbedingt eine schwierige Antwort folgen.

Nach diesen Antworten suchen unsere Polis-AutorInnen in den nächsten Wochen auf dem Polis Blog.

Über uns

Polis180 ist ein Grassroots-Thinktank für Außen- und Europapolitik. Durch unseren partizipativen, inklusiven und innovativen Ansatz erschließen wir neue Wissens- und Ideenquellen in der politischen Debatte. Mehr zu Polis finden Sie hier.

Interview mit Prof. Dr. Helen Knauf

Mit „Zukunft der Bildung. Stiftung im Dialog.“ wurde eine Reihe gestartet, die sich in Frankfurt/M. aktuellen Fragen, Themen und Trends in der Bildung stellt. Zur Diskussion eingeladen sind Multiplikatoren, Gestalter und an Bildungsfragen Interessierte. Die Auftaktveranstaltung am 9.07. 2016 beschäftigte sich mit dem Thema „Zukunft Digital? – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Bildungsbereich“. Unsere Gäste waren:
Prof. Dr. Helen Knauf, Professur für Pädagogik der Frühen Kindheit, Hochschule Fulda
Gregory Grund, „Digitale Helden“ – Medienbildung für Schüler, Eltern und Lehrkräfte
Ralph Müller-Eiselt, Alumnus der Hertie School of Governance und Projektleiter „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ der Bertelsmann Stiftung Gütersloh
Moderation: Tim Frühling, Hessischer Rundfunk, Frankfurt

Lesen Sie hier ein Interview mit Prof. Dr. Helen Knauf:

Eines Ihrer Forschungsgebiete lautet Medien in der Kindheit – an welcher Fragestellung arbeiten Sie aktuell?
Eine Entwicklung, die mich aktuell beschäftigt ist die Nutzung sozialer Netzwerke durch Kindertageseinrichtungen. In den USA sind immer mehr Kitas beispielsweise auf Facebook oder Twitter unterwegs; auch in Deutschland gibt es einige. Ich befasse mich dabei mit der Frage, welche Funktion die sozialen Netzwerke für die Kitas übernehmen. Gerade in Deutschland ist das vorwiegend die Information von Eltern und Partnern der Einrichtung. Andere Kitas nutzen die Netzwerke, um gemeinsam mit Kindern die pädagogische Arbeit zu dokumentieren oder mit ihnen die digitale Welt zu erkunden. Die Kinder werden selbst aktiv, begleitet von Erziehern – es werden Fotos gemacht, Zitate der Kinder werden gepostet. So findet eine sehr natürliche Medienbildung statt, denn die Kinder nutzen das Medium und schauen, wen sie damit erreichen.

Digitalisierung im Bildungsbereich soll zu mehr Chancengerechtigkeit führen – stimmen Sie dem zu?
Ich denke, dass die Digitalisierung in jedem Fall ein großes Potenzial dazu hat. In Schule und Hochschule liegt die besondere Chance ja in den Möglichkeiten der Individualisierung von Lernprozessen und darin, Wissen für viele überhaupt erst zugänglich zu machen. In der Kita hingegen geht es vor allem darum, den Zugang zu digitalen Medien zu ermöglichen und diese als Bildungsinstrument sichtbar zu machen.

Chancengerechtigkeit kann dann entstehen, wenn auch Medienbildung stattfindet, wenn Kinder und Jugendliche nicht den Medien überlassen werden sondern zu einem reflexiven kritischen Umgang angeregt werden. Kinder mit allen Herkünften die Gelegenheit haben das Bildungspotential des Digitalen für sich zu entdecken, ein Inklusionspotenzial steckt in dem audiovisuellen Charakter der digitalen Medien, es ist nicht nur auf die Wortsprache konzentriert sondern bietet z. B. über Fotos noch einen weiteren Zugang zu Bildung.

Kleinkinder und Medien, das sind für viele Begriffe, die nicht zusammengehören – ab welchem Alter ist es sinnvoll, digitale Medien einzusetzen?
Ich plädiere für eine Entdramatisierung des Digitalen. Digitale Medien sind heute selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt von Kindern in Deutschland – und zwar Kindern jeden Alters. Eine Altersgrenze suggeriert, man könne Kinder bis zu einem bestimmten Alter vom Digitalen fernhalten. Das ist aber letztlich kaum möglich und selbst wenn, würde es doch ein verzerrtes Bild der Welt vermitteln. Es spricht beispielsweise nichts dagegen, mit einem 1-jährigen Kind ein digitales Bilderbuch auf dem Tablet anzugucken. Der Fokus sollte deshalb darauf liegen, Kinder auf sinnvolle Weise bei der Entdeckung des Digitalen zu begleiten, altersangemessene Medien zu finden und darüber immer wieder miteinander in Austausch zu kommen. Im Bereich der frühkindlichen Bildung geht es nicht darum, dass Kinder die Rolle von Konsumenten von digitalen Medien einnehmen sondern sie sollen sich aktiv mit Medien auseinander setzen und dabei selbst erfahren, dass diese Medien für Bildungszwecke eingesetzt werden können. Praktisch bedeutet das z.B. für Kinder unter sechs Jahren, dass sie ihre gestalteten Produkte oder auch ihre Lebensumwelt aus ihrer Perspektive im Video oder auf Fotos festhalten. Medien sind Teil der Lebenswelt von Kindern. Und sie können sehr gut entscheiden, mit welchen Dingen sie sich beschäftigen wollen.

Was ist am dringlichsten zu tun, damit das Thema Digitalisierung im Bildungsbereich künftig gelingt?
Die Hürden für die Digitalisierung liegen auf verschiedenen Ebenen. Es gilt sozial-emotionale Hürden zu überwinden, denn das Unbehagen gegenüber digitalen Medien ist oft groß. Die Vorstellung, Kinder vor der virtuellen und digitalen Welt beschützen zu müssen, ist weit verbreitet. Hier erschient es mir sehr wichtig, das Pädagog*innen ihre eigenen Erfahrungen mit digitalen Medien machen und dabei fachlich unterstützt werden. Mit anderen Worten: Fortbildung und Netzwerkbildung unter den Pädagog*innen ist zentral. Hier gilt es Einzelne zu ermutigen, wir brauchen Personen, die mit Schüler*innen oder Kitagruppen Dinge ausprobieren; es ist aus meiner Sicht ganz wichtig, auf dieser Mikroebene aktiv zu werden.
Aber auch auf technischer Ebene sind noch große Hürden zu bewältigen – in vielen Kitas gibt es nur einen einzigen, oft nicht mehr ganz neuen Computer im Büro der Leitung. In Schulen herrschen, wie heute gehört, ähnliche Verhältnisse. Und die Ängste und Bedenken auf juristischer Ebene müssen ernst genommen werden. Hier ist vieles noch unklar: Wo müssen Persönlichkeitsrechte gewahrt werden? Was sagt der Datenschutz? Hier sind Träger von Bildungsinstitutionen in der Pflicht, für mehr Aufklärung zu sorgen, um Unsicherheiten zu reduzieren.

Lunchvortrag mit Stefan Aust

Ein Kommentar von Kassandra Becker, Kollegiatin im Hertie-Innovationskolleg

Montagmittag im Springer-Gebäude. Befänden wir uns nicht im 19. Stock eines modernen Hochhauskomplexes, könnte man meinen, es sei ein altes Landhaus. Holzvertäfelung, antiquarische Bücher und eine lange, prunkvolle Tafel. Von hier oben lässt es sich entspannt auf die Zukunft Europas hinabblicken.

Das Innovationskolleg der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung lud gemeinsam mit der Schwarzkopf-Stiftung zu einem Lunchvortrag mit anschießender Diskussion ein. Gast war Stefan Aust, von 1994 bis 2008 Chefredakteur des Spiegels und seit 2014 Herausgeber der Tageszeitung Die Welt. Aust begann seine journalistische Karriere schon früh: Eher spontan kam er zu den St. Pauli Nachrichten und arbeitete, neben Ulrike Meinhof, für das linke Magazin konkret.

An diesem Mittag sollte über den Brexit und die Rolle der Medien gesprochen werden. Dass das Projekt „Europäische Union“ Frieden und Demokratie nach Europa gebracht hat, darin seien sich alle einig. Und auch die deutschen Medien stellten die Grundidee Europas nicht in Frage, so Aust. Kritik an der Ausgestaltung und der Kommunikation des Konzepts gebe es jedoch en masse; EU-KritikerInnen, in UK und anderswo, blieben uns eine Antwort schuldig, wie alternative Lösungsansätze und eine gesamteuropäische Debatte aussehen könnten. Viel zu häufig spreche man über Europa und seine große Idee – dass alle Staaten weiterhin eigene Interessen verfolgten, würde zu wenig thematisiert. Wie man Lösungen und Alternativen für eine reformierte EU finden kann, ließ Aust offen.

Eines habe das Referendum in Großbritannien gezeigt: Es ging weniger um die Sache, als vielmehr um Innen- und Parteipolitik. Nicht erst seit dem Brexit werde mit Volksabstimmungen Wahlkampf gemacht – auch Jaques Chirac nutze dieses Mittel 2005 als es um die Abstimmung der EU-Verfassung ging. Aust beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen: Cameron öffnete mit der Brexit-Debatte eine Tür, nur um dann dafür zu kämpfen, dass niemand hindurchgeht. Diese Metapher war für Aust eine perfekte Überleitung zu seiner Aussprache gegen eine direkte Demokratie. Denn: wählen könne trotzdem – überspitzt formuliert – „jeder Blödmann“. Hört man Aust zu, fragt man sich, ob die großen Medienhäuser den Bezug zu den „Blödmännern“, also den bildungsferneren Gruppen, schon längst verloren haben. Sie schaffen es nicht, ihrer Aufklärungsfunktion nachzukommen. Stattdessen gibt es immer mehr neue Formen des BürgerInnenjournalismus. BürgerInnen, die sich über ihren eigenen Newsfeed bei Facebook informieren und die Kommentarspalten der Onlineplattformen füllen. Ja, bei Der Welt sei man damit beschäftigt, mehr auf Online-Journalismus zu setzen, und die LeserInnenschaft zu diversifizieren. Auch Facebook-Interaktionen werte man aus. Was die Zahlen ihm sagen sollen, verstehe er allerdings nicht so genau. Die Relevanz moderner Kommunikationskanäle, jenseits von Print und Rundfunk, so macht es den Eindruck, ist bei Aust noch nicht recht angekommen. Auf eine Antwort, wie Aust die junge Generation erreichen wolle, wartete die (junge!) Tischgesellschaft vergebens. Einfach war es damals, als Aust seine Karriere bei den Sankt Pauli Nachrichten begann und das Internet noch nicht seine Wirkungskraft entfaltet hatte.

Aber: die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Das Gespräch mit Aust hat gezeigt, dass es an Menschen wie den Teilnehmenden an der Debatte – fast ausschließlich junge Menschen in ihren Zwanzigern – liegt, das Europa von morgen zu gestalten und Lösungen für komplexe Fragen zu entwickeln.

Männer wie Aust, die einer anderen Generation angehören, scheinen zu viel Zeit in ihren prunkvollen Sälen zu verbringen, als sich mit den Veränderungen und den Wünschen der BürgerInnen zu beschäftigen. Wer mag es ihm verübeln? Hier oben im 19. Stock wirken die Menschen da unten, für die er schreibt, wie kleine Punkte.

Bilder zu dieser Veranstaltung finden sie hier.

Zukunft Digital? – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Bildungsbereich

Ein Bericht von Tine Nowak

Am 9.7.2016 fand im Cafébar des Frankfurter Kunstvereins in Frankfurt am Main ein neues Veranstaltungsformat zum Thema Bildung statt. Es ist die erste Veranstaltung der Reihe „Bildung zum Frühstück“, die ein gemeinsames Frühstück mit einer Diskussion zu einem aktuellen Bildungsthema verbindet. Die Gemeinnützigen Hertie-Stiftung hatte offen eingeladen und es kamen interessierte Bildungsakteure, regionale Pädagogische Fachkräfte und Stiftungs-Alumni. Die Veranstaltung fand statt im Rahmen des Hertie-Innovationskollegs, dessen Leiter Michael Knoll zusammen mit Katharina Lezius (Horizonte-Programm) die anwesenden Gäste willkommen hieß. Sie führten kurz in das Veranstaltungsformat ein, welches sich in seiner ersten Ausgabe dem Thema Digitalisierung im Bildungsbereich widmete.

In den letzten Jahren habe ich es schon oft so erlebt: Wann immer eine Diskussion die Chancen und Risiken von einer Entwicklung oder einem Phänomen diskutieren will, sind es meist die Risiken, die den größten Raum bekommen. Die Ängste zu einem Thema sind immer schon da, während die Potentiale erst noch entdeckt werden müssen.

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hatte zum Frühstück geladen. Die Cafébar war gut besucht, ein wunderbares Büfett war aufgebaut worden, Menschen liefen emsig umher, an einem Tisch unterhielten sich die eingeladenen Expert/innen des Podiums. Leute plauderten, auch ich traf sogleich einen mir bekannten Lehrer und Kollegen, der ebenfalls in der Lehrerbildung an der TU Darmstadt aktiv ist. Die Frühstücksidee schien soweit zu fruchten. Das Thema der folgenden moderierten Diskussion ist im Bildungsbereich seit Jahren aktuell: „Zukunft Digital? – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Bildungsbereich“. Mit dem gegenwärtigen Strategieentwurf „Bildung in der digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz nimmt die Diskussion allerdings auch auf institutioneller Ebene wieder Fahrt auf. Wie schon im Titel der Veranstaltung tauchen Medien hier gar nicht mehr auf. Digitale Bildung ist der Begriff der Stunde. Digitalisierung scheint die Mediatisierung in der populären Debatte abzulösen, letztlich verhandeln wir, wie wir in einer Welt, die von digitalen Medien durchdrungen ist, leben und agieren wollen.

Ab wann gehören Medien in Kinderhand?
Tim Frühling (Hessischer Rundfunk) führt durch das Gespräch zu „Bildung zum Frühstück“ und leitet ins Thema ein: Ab wann gehören Medien in Kinderhand? Das Podium positioniert sich zunächst, die Frage wird jedoch in Folge wieder aufgegriffen. Auf eine Entdramatisierung der Debatte hofft Helen Knauf (Hochschule Fulda), Gregory Grund (Digitale Helden) beobachtet gegenwärtig gar eine Bildungsrevolution und Ralph Müller-Eiselt (Bertelsmann Stiftung) sieht in Deutschland derweil viel Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung in der Bildung.

Medien in der Kita ist das nicht zu früh? Nicht ab wann, sondern was machen Kinder mit digitalen Medien, das ist die Frage, die uns interessieren sollte, so Helen Knauf. Sie ist als Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit die Expertin für diesen Themenbereich. In Deutschland sind Erzieher und Erzieherinnen noch zögerlich, viele andere Anforderungen konkurrieren im Kindergarten. In den USA hatte sie schon ganz andere Erfahrungen machen können. Dort werden digitale Medien durchaus undogmatisch eingesetzt. Helen Knauf berichtet von Pädagog/innen, die ein Problem lösen wollen und im Digitalen Lösungen finden. Wird etwas benötigt und helfen dann Medien, so kommen sie auch zum Einsatz. Sie plädiert dafür sich der Herausforderung ernsthaft und nachhaltig zu widmen und sie in Deutschland nicht als reine Wahlkampfkulisse zu missbrauchen.

Digitalisierung der Bildung ist Schulentwicklungsaufgabe
Ralph Müller-Eiselt wünscht sich mehr Entspanntheit in der Diskussion zu Nutzung von Medien. Verbote und Gesetze können letztlich nicht die erwünschte Lösung sein. Vor ihm auf dem Stehpult liegt das gemeinsam mit Jörg Dräger verfasste Buch „Die Digitale Bildungsrevolution“. Als Projektleiter „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ der Bertelsmann Stiftung hat er die Digitalisierung der Bildung im internationalen Kontext untersucht und mahnt, dass Deutschland tätig werden müsse. Nicht allein die Aufrüstung von Technik und IT sei das Gebot der Stunde, sondern es gehe vielmehr um die Integration des Digitalen als Schulentwicklungsaufgabe, um Datensouveränität und das Entwickeln von Medienkonzepten für die Schulen.

Fasst man die vielen Statements aus dem Publikum zusammen, scheint es genau hier zu haken. Ob mit digitalen Tafeln, die in Schulen installiert werden, deren Potential fachlich nicht ausgeschöpft werden. Oder mit Websperren im Wlan, die selbst den Lehrer/innen das Aufrufen von Fachforen verweigern. Viele Hürden werden offenbar, wenig positive Beispiele finden sich im Auditorium. Es ein Jammertal, in welches sich die Veranstaltung kurzzeitig begibt.

Die Anforderungen der Digitalisierung im Bildungsbereich an die Institutionen und Akteure sind hoch und man könnte fast meinen, sie seien aus eigener Kraft derzeit kaum zu stemmen. Den externen Lückenschluss versucht das Social Start Up der „Digitalen Helden“. Seit drei Jahren bieten sie in Schulen Peer-to-Peer-Projekte an, bei denen ältere Schüler/innen geschult werden, um Ansprechpartner/innen für jüngere Schüler/innen in Sachen Websicherheit zu sein. Die Verunsicherung bei den Lehrkräften ist groß: Digitale Kompetenz, Medienkompetenz, Datenkompetenz. Ein undurchdringlicher Urwald erwünschter Kompetenzen. Wenn er Urhebergesetze für Lehrer/innen in einem Satz zusammenfassen könnte, dann wäre er ein gefragter Mann, so Gregory Grund.

Die Digitalisierung wirkt sich auf alle aus, doch im konkreten Fall fühlen sich viele allein gelassen. Eine Lehrerin brachte zum Ausdruck, wenn sie nun im Unterricht mit Blogs arbeiten wolle, wäre sie doch bei sich in der Schule die Einzige damit. Es sind Veranstaltungen, die Raum zum Austausch bieten, ob im digitalen Raum oder vor Ort wie hier zum Frühstück, die Leute mit ihren Fragen und Bedürfnissen zusammenbringen, um gemeinsam weniger allein zu sein.

Vor Ort war Tine Nowak, sie war 2005 als Kafka-Stipendiatin Krakau. Sie ist als Doktorandin und Lehrbeauftragte am Arbeitsbereich Medienpädagogik der TU Darmstadt tätig, sie podcastet zu Bildung unter www.kulturkapital.org und ist Mitglied im Hertie Network on Digitalization (HNoD).