Hertie Innovationskolleg

Kulinarischer Abend mit Kitchen on the Run

Erstaunte Touristen und Passanten beobachten das Geschehen von weitem durch den Gartenzaun. Was geht da im Garten der Hessischen Landesvertretung in den Ministergärten in Berlin vor sich? Zwanzig Personen tummeln sich um eine bunte Container-Küche und ein verlockender Geruch nach fremden Gewürzen strömt durch die Luft.

Der Kitchen on the Run Container hat vorrübergehend im Garten der Hessischen Landesvertretung Quartier bezogen und an diesem Abend lassen sich die Kollegiat*innen des HIK und weitere Hertie Fellows von Moder Sheek mit syrischer Küche verwöhnen. Dabei berichten Rabea Haß, Kollegiatin im Pilotjahrgang, mit ihrem Mitstreiter Andreas Reinhard von der fünfmonatigen Reise durch Europa (Italien, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Schweden). Wenn die beiden zu erzählen beginnen von begeisterten Anwohnern in Duisburg, Problemen mit den Behörden in Italien und unzähligen Geschichten der Geflüchteten, merkt man schnell, dass ein Abend viel zu kurz ist, um die vielen Erfahrungen zu teilen. Dennoch hat sich der Einblick in die Reise für alle Beteiligten gelohnt. Die anwesenden Gäste berichten von ihren eigenen Alltags- und Berufserfahrungen im Kontakt mit Geflüchteten.

Auch dem Container sieht man seine Reise an: seit seiner Abreise in Deutschland hat er an Persönlichkeit dazu gewonnen. Unzählige Namensschilder zieren seine Wände und viele neue Gewürze haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Noch gibt es die Möglichkeit, mit den Köchen von Kitchen on the Run und Über den Tellerrand kochen in den Ministergärten zu kochen und ihre Geschichten zu erfahren. Mehr Infos finden Sie hier

Michel Friedman oder das politische Gespräch als Bewusstseinszustand

Gedanken zum Workshop „Moderation politischer Debatten“ mit Prof. Dr. Michel Friedman am 8. September 2016, veranstaltet von Polis180 und dem Hertie-Innovationskolleg

Von Christian Freudlsperger

Furios – anders lässt sich die Urgewalt kaum beschreiben, die vor einigen Tagen über die Mitglieder des Hertie-Innovationskollegs und von Polis180 hereinbrach. Mit raumgreifendem Gestus und narzisstisch beflügeltem Monster-Ego füllte Michel Friedman, der Abgott des deutschen Polit-Talks, die Herzen und die Hirne der Anwesenden bis oben hin an mit fruchtbaren Gedanken und der Gewissheit, dass niemals irgendjemand irgendetwas erreichen wird, wenn er oder sie nicht für die gerechte Sache brennt. Der Noel Gallagher des deutschen Fernsehens, der Rockstar des Polit-Business, stets nach vorne, immer auf dem Sprung und alert bis in die Haarspitzen: mit faszinierend ist die Kunstfigur Michel Friedman noch nicht einmal annähernd gefasst.

„Ich lebe lieber selbstverliebt, als selbstverleugnet.“ Damit hatte Friedman den bemitleidenswerten Christoph Schlingensief in einer der denkwürdigsten Folgen von „Durch die Nacht“ in ebendiese entlassen. Und ebenso gerieten den Anwesenden die beinahe drei Stunden des Diskutierens, des Sich-Herausforderns, des Miteinander-Sprechens mit Herrn Friedman zu nichts als einer schillernden Reflexion über das Leben. Friedman, der sich der Wirkung der von ihm ausgefüllten Rolle absichtsvoll bewusst ist, zeigte sich von seiner besten Seite – als Radikaldemokrat, als leidenschaftlicher Menschenfreund und begnadeter Zuhörer. Immer an der Erkenntnis orientiert, ein Aufklärer im Wortsinne.Er lehrte die Anwesenden erstens Mut, wenn sie „auffällig“ werden, wenn sie sich endlich einmal aus der Deckung wagen: eine a priori entschuldigend konsensorientiert geführte Debatte ist nicht, was er sich unter Diskurs vorstellt. Überhaupt, sie, die ZuhörerInnen, mögen sich doch bitte was trauen, permanent hinterfragen, im Indikativ sprechen, sich nicht hinter einem imaginären ‚wir’ verstecken. Mit jeder Faser seines jugendlich sehnigen, im feinen Slim-Fit-Zwirn sinnlich drapierten Körpers lebte er ihnen dies vor. Er lehrte sie zweitens, dass eine Sprechsituation ein Bewusstseinszustand ist. Wer ein ernsthaftes Gespräch führen will, der muss vor allem gut und genau zu- und hinhören können, der muss laufend begreifen, was der Gegenüber sagt, der muss das gesprochene Wort auf eine so radikale Art und Weise ernst nehmen, die jungen, selbstschutzsuchenden IronikerInnen nicht mehr zu eigen ist. Sein eigenes, intensives Da-Sein während dieses Gesprächs legte von seinem Anspruch das beste Zeugnis ab. Nichts konnte ihn abbringen, nichts ablenken. Er lehrte die Anwesenden drittens die Reduktion auf das Wesentliche, die Ablehnung jeglichen Popanzes, das bewusste Verweigern des an sich verständlichen Triebes, die eigene Großartigkeit im berühmten und/oder einflussreichen Gegenüber zu spiegeln. Doch lehrte er die Anwesenden vor allem eines, nämlich dass Menschen, wenn sie ihre Talente zur Entfaltung bringen, Großartiges auszubilden vermögen. Michel Friedmans Sprachgewalt ist von so berückender Klarheit, von überwältigender Schönheit. Harald Schmidt sagte einmal zu Christian Kracht: „Sie können Dinge ausdrücken, die ich nur dumpf empfinde.“ Friedman redet, wie Kracht schreibt.

Wer an diesem Nachmittag, wie ich das in meiner vollkommenen Idiotie zu Beginn der Veranstaltung bekannt hatte, „Kniffe“ für das „erfolgreiche“ Moderieren politischer Debatten erwartete, der hat nichts, aber auch gar nichts, verstanden. Als nächstes möchte ich deshalb gerne Christian Kracht zum Workshop „Schreiben politischer Beiträge“ einladen. Auch er hat sicherlich keinerlei „Kniffe“ parat, sondern lehrt uns, schreibend ein politisches Leben zu führen. Und das wollen wir doch bei Polis, oder?

Kompetenzen von Flüchtlingen als Chance für den Arbeitsmarkt!

Der deutsche Arbeitsmarkt legt großen Wert auf formal erworbene Qualifikationen. Eine große Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge können eben diese nicht vorweisen. Eine langfristige Integration bedarf deshalb alternativer Zugangswege zur Beschäftigung in Deutschland.

Lest mehr dazu in dem Artikel von Anne-Marie Kortas, Adrian Sonder und Lea-Maria Warlich auf dem Polis-Blog.

Piefige Politik in einer Weltstadt

Berlin könnte eine pulsierende Metropole sein, doch die Politik hinkt der Zeit hinterher. Strukturelle Probleme verhindern wirtschaftlichen Erfolg und Innovationen. Die Stadt nutzt ihr kreatives Potenzial nicht.

Berlin ist keine Weltstadt, ihre wirtschaftliche Bedeutung lässt auch nach mehr als einem Vierteljahrhundert Wiedervereinigung arg zu wünschen übrig. Dass das Geld in Deutschland woanders verdient wird, in der Hansestadt Hamburg etwa, in der Finanzmetropole Frankfurt, in der Medienstadt Köln, in München und sogar Stuttgart, führt bei den meisten Menschen in der Stadt zur Gewissheit, alles richtig zu machen. Wer doppelt so hart arbeitet, hat eben auch nur halb so viel Spaß. Das krasse Gegenteil von Berlin also.

Zu hip für politisches Engagement

Diese konsumistische Haltung bestand jedoch schon zu DDR-Zeiten. Die Menschen, die mit ihren Steuern das anstrengungslose Leben in der Frontstadt Berlin finanzierten, waren immer schon weit weg. Heute finanzieren die solventen Papas und Mamas im Breisgau, in Oberbayern, im Niederrheinischen und sonstwo die Hipsterkultur und den Eigenheim-Spießertraum ihrer Nachkommen.

Die Zugezogenen haben sich breitgemacht und betrachten leicht spöttisch und arrogant das Treiben der Metropole, konsumieren die Angebote des kulturellen Lebens, tragen aber für die Stadtkultur und -politik wenig Neues bei. Warum sich in und für diese Stadt engagieren, die in der Lage ist, ein Stadtschloss zu bauen, das nur wenige wollen, aber keinen Flughafen, auf den die Berliner mit all seinen potenziellen Jobs sehnsüchtig warten? So bleibt diese Stadt und ihre Politik eine Addition von Partikularinteressen, bei der das Gemeinwohl über die Spree geht.

Berliner Parteien hinken der Zeit hinterher

So ist die Berliner Politik auch davon gekennzeichnet, dass die Landesparteien nicht dem Format ihrer Mutterparteien entsprechen – weder intellektuell, noch habituell, schon lange nicht strategisch. Es beschleicht einen das Gefühl, dass die Parteien mental in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stecken geblieben sind. In der Hochphase der Volksparteien zwischen den sechziger und achtziger Jahren konnte das richtige Parteibuch beim beruflichen Aufstieg nutzen. Die Parteien verteilten Fördergelder und Subventionen, schufen Arbeitsplätze im sich aufblähenden Staatsdienst und genossen Privilegien, so dass es materielle Gründe gab, sich einer der großen Parteien anzuschließen. Da diese Möglichkeiten, die eigenen Anhänger finanziell zu bevorteilen, zurückgehen, sind Volksparteien in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend unattraktiv geworden. Nicht jedoch in Berlin. Hier scheinen sie immer noch materielle Umverteilungsmaschinen zu sein. Und weil die Berliner Parteien sich mental immer noch im letzten Jahrhundert befinden, erscheinen sie nirgendwo so piefig wie in der Bundeshauptstadt.

Altlasten und unklare Aufgabenverteilung

Das hat natürlich auch mit den strukturellen Schwierigkeiten zu tun, die die Berliner Landespolitik prägen. Seit 1989 stehen Regierung und Verwaltung unter Dauerstress stehen und sind immer noch damit beschäftigt, die Probleme der neunziger und vor allem der nuller Jahre, wie Haushaltskonsolidierung oder Personalabbau, zu bearbeiten.

Es bestehen Spannungsfelder, die zum einen die typischen Ansprüche einer Metropolen-Governance widerspiegeln, zugleich sehr Berlin-spezifisch sind. Das erste Spannungsfeld ist das schwierige Verhältnis von Zentral- und Bezirksebene in Berlin. Die managementorientierten Verwaltungsreformen haben das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Senat beziehungsweise gesamtstädtischem Interesse und Bezirksverwaltungen beziehungsweise lokaler Selbstständigkeit nicht wirklich auflösen können. Das Ergebnis ist eine Aufgabenverteilung, die nicht auf einem strategischen Gesamtkonzept fußt, sondern unterschiedliche Organisationsprinzipien miteinander kombiniert. Doppelzuständigkeiten zwischen Senat und Bezirken sind eine Folge davon.

Eine Kultur der alten Männer

Das zweite Spannungsfeld besteht schließlich zwischen dem „Alt-Berliner“ Charakter der institutionalisierten Politik und Verwaltung auf der einen Seite und dem „neuen“, innovativen, meist internationalen Berlin auf der anderen Seite. Wie können sich diejenigen in den etablierten Institutionen der repräsentativen Demokratie und Stadtpolitik engagieren, die an den sprachlichen und kulturellen Hürden scheitern? Auch fehlt den Neu- und Kurzzeitberlinern ein Ankerpunkt im Berliner Politikmilieu.

Die Politik der Bezirke, der Stadt, des Landes ist nicht mehr mit der Gesellschaft vernetzt, die sie repräsentiert. Der Wille nach größerer Beteiligung, nach Formen direkter politischer Partizipation ist da. Doch politische und soziale Innovationen stoßen auf Widerstand, konzeptionelles Denken und Ideen, die jenseits der Parteien entstehen, stören. Im patriarchalischen Duktus wird die Frage gestellt, wer dazu den Auftrag gegeben hat. Eine Kultur der alten Männer wie bei Volkswagen unter Piech und Winterkorn lässt sich auch in Berlin beobachten: hierarchisch, maskulin, dünkelhaft, frei von kreativer Lust und innovativer Renitenz.

Partizipationsmöglichkeiten schaffen

Die politischen Eliten des Landes Berlin müssen sich neu erfinden. Sie müssen vor allem offener für die vielen neuen Menschen in Berlin werden. Die Parteien müssen dezentrale Organisationsformen schaffen, warum geben sie ihre inhaltlichen Fragestellungen nicht an die vielen, klugen Experten der Stadt weiter? Gleichzeitig müssen sie ihre analytisch-strategische Kapazitäten aufbauen und stärken. Wie entwickelt sich die Metropole, ihre Gesellschaften und Gemeinschaften? Was sind die Trends auf Makro- und Mikroebene? Was bedeutet dies für die eigene politische Programmatik? Diese Stadt verändert sich zu schnell, um nach den Einschätzungen aus den neunziger oder gar achtziger Jahren beurteilt werden zu können. In Berlin besteht zu häufig milieuspezifischer intellektueller Reaktionismus, ihn gilt es aufzubrechen. Schließlich müssen die Parteien ihre Vorstellung von Planbarkeit von Politik und Gesellschaft aufgeben und stattdessen die politische Partizipation eines jeden in Berlin Lebenden ermöglichen.

Die Parteien können, dürfen und müssen sich wieder als politische Machtzentren definieren, unterfüttert durch analytische und strategische Kompetenz. Sie müssen ihre Mitglieder und deren Kreativität und Kompetenzen reaktivieren, sie ermutigen, sich einzubringen, das Maul aufzumachen, Konzepte zu entwickeln, sie zur Diskussion stellen. Die Parteimitglieder müssen wieder als politisches Subjekt und nicht Objekt der Parteispitzen begriffen werden. Gleichzeitig müssen sich die Parteien von Selbstbedienungs- und Selbstgenügsamkeitsorganisationen zu Organisationen entwickeln, die für Bürger wieder eine Relevanz besitzen und damit auch eine Anziehungskraft aus sich heraus entwickeln.

Das wird anstrengend für viele in den Spitzen der Parteien. Kein willfähriges Fußvolk, sondern Aktivisten im besten Sinne des Wortes. Politik wird wieder anstrengend, herausfordernd statt langweilig, diskursiv statt kommunikativ, inhaltlich statt formal, neodemokratisch statt altleninistisch. Dann wären die Berliner Parteien auch wieder anschlussfähig an das ungeheure kreative und innovative Potential der Stadt. Unser Land Berlin, unsere Stadt, die einzige Metropole in Deutschland hätte es verdient.

Der Artikel erschien auch hier.

Supporting refugees in Berlin, one year later: asylum seekers‘ perspectives on the role of NGOs

Over the past year, since the increase of refugee numbers coming to Germany, the role of NGOs and volunteers in supporting the newcomers and complementing government services has been extraordinary. However, according to a recent survey at the Hertie School of Governance, which explores the experiences of Berlin refugees with public services, most asylum seekers perceive NGOs as relatively unimportant in service delivery. Whether it’s about German language classes, accommodation, or accessing health services, between 40% and 50% of refugees indicate that they found NGOs not to be relevant. The only areas where the latter seem to play a somewhat larger role are labour market preparation, education and ensuring personal safety (though here too only around a third of respondents see non-governmental organizations as important). Even further, when asked to assess their interaction with representatives of non-governmental organizations and with volunteers, a third of all respondents were entirely unable to do so.

These findings show that through the eyes of Berlin refugees, and in stark contrast with public perceptions, NGOs are barely visible. A likely explanation is that many refugees have a hard time distinguishing between the state and the non-governmental actors offering them support. Most refugees are likely to have had little experience with civil society in their home countries to begin with.

For service providers this is not however without consequences. From a government perspective, for instance, it means that most responsibility for services delivered is likely to be associated with state institutions alone, whether these services are assessed positively or negatively.

But the most important effects are related to NGOs themselves. Surely, if non-governmental organizations have such a low profile, it is unlikely that refugees will be aware of what they have to offer. In fact, the results of the same study show that refugees usually look up to other refugees (70%) and more rarely to apps/ social media (32%) for information about the services they need (neither NGOs, nor state institutions, on- or off-line are seen as information sources regarding critical services). For all the multitude of initiatives, apps and products being offered and despite the wide presence of NGOs, refugees rarely seek out non-governmental organizations and many of these services are unlikely to even reach their intended users.

Considering the magnitude of the refugee crisis, the current mismatch between existing NGO resources and refugees, and the resulting waste of opportunities seem to be particularly unfortunate. NGOs involved need to create more visibility for themselves and their role in the settlement and integration of refugees. Moreover, it is important for them to make use of their own ground experience related to the different sub-groups of refugees (based on age, gender, native languages etc) and identify the best channels and strategies to make information about existing services available to a variety of potential users.

The urgency of the refugee influx has perhaps left NGOs with little energy for anything else except for basic support. Nonetheless, from an NGO perspective, stepping up communication and outreach efforts might turn out to be the very missing link in the refugee integration process.