Hertie Innovationskolleg

„‚Werte‘ ist ein gefährliches Wort“: Interview mit Dr. Greg Yudin (Teil 2)

Dr. Greg Yudin wird in Russland als neuer Star der russischen Soziologie gefeiert. Er ist Professor für politische Philosophie an der Moskauer Schule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Moskau, unterrichtet an der Higher School of Economics (HSE) und forscht für seinen PhD an der New School for Social Research in New York. Der Philosoph und Soziologe warnt, dass die Gespräche über Werte immer in die Sackgasse führen und für die internationalen Beziehungen schädlich sind. In seinem Impulsreferat «Gefährliche Werte und die Falle des Wertediskurses»  wird er am 1. März 2018 bei derPodiumsdiskussion Wertediskurs mit Russland: was läuft schief?  seine Thesen näher erläutern.

Das Interview hat Dr. Evgeniya Sayko im Rahmen ihres Projektes „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ geführt.

Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier.

Was steht dann aber hinter der zumindest deklarierten Ablehnung der sogenannten „europäischen Werte“ durch Russland?

Dahinter steht ein ziemlich durchsichtiger Komplex, der in Russlands Fall eine Doppelstruktur besitzt. Wjatscheslaw Morosow, ein herausragender politischer Denker, hat ein Buch unter dem Titel „Russland und die Anderen“ verfasst, in dem er aufzeigt, dass Russland mit zwei Komplexen behaftet ist. Einerseits hat Russland einen offensichtlichen imperialen Komplex, aber gleichzeitig auch einen offensichtlichen kolonialen Komplex.

Russland ist der seltene Fall eines subalternen Imperiums. Subaltern ist jemand, der untergeordnet ist, der eine kolonisierte und untergeordnete Stellung einnimmt. Wie verhält sich denn die russische Elite in der internationalen Politik? Sie lehnt alles ab, sagt immer, dass wir „ganz anders“ sind, aber wenn man sie fragt, wie „ganz anders“, dann bleibt sie eine Antwort schuldig. Das ist der typische Komplex einer Kolonie, die autonom werden möchte. Das kann man nachvollziehen, weil viele Menschen in Russland die seit den 1990ger Jahren herrschende Situation als den Versuch wahrnehmen, uns irgendetwas von oben beizubringen. Den Leuten gefällt es für gewöhnlich nicht, wenn jemand bei ihnen auftaucht und sie belehrt, vor allem, wenn sie sich nicht mehr so recht daran erinnern können, ob sie darum gebeten haben. Wir befanden uns in einer schwierigen Situation: In 1991 wollten wir wie die europäischen Länder und die USA sein und hatten auch den gemeinsamen Willen, etwas zu lernen. Aber dann kam ein Zeitpunkt der Enttäuschung, wir dachten nicht mehr daran, dass wir tatsächlich darum gebeten hatten, etwas beigebracht zu bekommen. Aber es kommen immer noch Leute, die sagen, ihr müsst euch so und so verhalten, weil ihr eine liberale Demokratie sein müsst, und wir bringen euch schon bei, wie das geht. Jeder Mensch, bei dem ungefragt jemand auftaucht, um ihn zu belehren, wird gereizt reagieren und sagen: „Nein, so bin ich nicht. Ich bin anderes. Bei mir wird das alles nicht funktionieren, weil ich anderes bin. Und überhaupt, eure Werte können mir gestohlen bleiben.“

Das Problem mit uns liegt nicht in dieser durchaus natürlichen Ablehnung, sondern darin, dass wir nicht sagen können, wie wir sind. Ich unterstütze die Idee, niemandem nachzueifern und eigenständig zu sein. Aber wenn die Frage „Wer bist denn du eigentlich?“ ohne Antwort bleibt, wenn nicht einmal der Versuch unternommen wird, sie zu beantworten, dann stehen die Dinge eher schlecht. Wogegen wir sind, das ist bereits klar – im Zweifel gegen alles. Aber wofür sind wir? Man sagt: „Für traditionelle Werte“. Leute, das ist jetzt nicht euer Ernst, oder? Vergleicht doch mal Deutschland und Russland – wo ist denn die Familie stabiler? Wo nehmen die Menschen mehr am Leben ihrer Gemeinde teil? Meint ihr wirklich, ihr könntet den Deutschen das beibringen, was ihr als traditionelle Werte bezeichnet?

Was verbirgt sich denn dann hinter dieser Verteidigung der traditionellen Werte?

Dabei handelt es sich um eine schwache und ziemlich oberflächliche Ideologie. Es ist nicht so, dass sie mit aller Gewalt durchgesetzt werden würde, aber es gibt Gruppen, die das versuchen.

Und das durchaus mit Erfolg…

Nein, wo denn? Wäre ein spürbares Erstarken der Religiosität zu beobachten oder spürbare Maßnahmen zur Festigung der Familie, dann würde ich sagen, ja, diese Ideologie zeigt Erfolge. Es sind aber keine da. Das ist Rhetorik, die nur einen einzigen Effekt hat, dass nämlich die Menschen permanent gegen einen erfunden „Westen“ aufgehetzt werden. Ich sehe nicht, dass die Menschen in Russland sich gesagt hätten, ja, wir schlagen jetzt diesen oder jenen Weg ein, wir machen etwas für unsere Familien, hören mit den Scheidungen auf, lassen uns etwas anderes für unser Sexleben einfallen… Es genügt, einen Blick auf die Lebensweise der russischen Elite zu werfen.

A propos – warum drehen sich die Diskussionen um die „europäischen Werte“, die uns angeblich gestohlen bleiben können, letztendlich immer nur um die gleichgeschlechtliche Ehe?

Weil das ein guter Polarisationspunkt ist. Wenn man das Bild eines radikal Anderen konstruiert, dem man sich entgegensetzen will, dann muss man sich in etwas verbeißen, das möglichst ungewohnt ist. In der UdSSR gab es keine Tradition der gleichgeschlechtlichen Ehe. Für Russland ist die Kultur der offenen Homosexualität ungewohnt, da kann man sich prima festbeißen – wobei die latente Homosexualität gleichzeitig sehr hoch ist.

Außerdem handelt es sich hierbei aktuell tatsächlich um einen neuralgischen Punkt der Liberalen, weil sie meinen, das es sich dafür zu kämpfen lohnt, dass das ein Raum für die Entwicklung europäischer Liberalität ist, ein Raum, in dem eine größere Gleichheit zwischen den Geschlechtern gewährleistet werden kann. Das ruft einen gewissen emotionalen Exzess hervor, denn dieses Thema ist emotional hoch aufgeladen.

Andererseits spricht Russland von Doppelstandards und Vertragsverletzungen, beispielsweise im Zusammenhang mit Jugoslawien.

Ich halte es folgendermaßen: Wenn man Kritik äußert, dann sollte man erst einmal erklären, wer man ist, von welchen Positionen aus diese Kritik geübt und was vorgeschlagen wird. Russland macht das nicht. Im Grunde hat diese Kritik viel Wahres, sie trifft auch da, wo es weh tut, aber Russland hat keine Position, von der aus diese Kritik produktiv werden könnte. Das Einzige, worauf sie fußt, ist die Haltung der permanent gekränkten Leberwurst. Mein Kollege Alexander Rubzow hat das Prinzip der aktuellen russischen internationalen Politik sehr gut auf den Punkt gebracht: „Wenn die das nicht dürfen, dann können wir das auch“. Hierbei handelt es sich um eine demonstrativ heuchlerische Position, der der Wunsch zugrunde liegt, sich selbst zu beweisen, wie ungerecht es auf der Welt zugeht. Alle belügen sich gegenseitig, dass sich die Balken biegen, im Wirklichkeit führen alle gegen alle Krieg, jeder will den anderen übervorteilen, das ist eine Welt, wo jedermann des anderen Wolf ist etcetera p. p. Und lasst uns jedes Mal daran leiden, leiden und leiden, aber Vorschläge werden keine gemacht.

Von russischer Seite erklingen Vorschläge, alles auf Null zu setzen und die Regeln neu zu schreiben.

Okay, dann legen wir mal los, aber was genau werden wir denn schreiben? Das ist Demagogie. Die russischen Eliten tönen permanent: „Uns passen eure Regeln nicht, wir wollen andere.“ – „Und welche Regeln wollt ihr?“ – „Eure Regeln passen uns nicht!“ – „Und welche wollt ihr dann?“ – „Eure Regeln sind Quatsch mit Soße!“ – Und so weiter und so fort. Alles, was von Russland in letzter Zeit ausgeht, ist Demagogie. Mir bereitet das große Schmerzen, weil die Welt tatsächlich Probleme mehr als genug hat, an deren Lösung sich Russland von der Idee her beteiligen müsste. Das hat Russland aber nicht vor. Russland hat vor, auf alle und alles eingeschnappt zu sein. Und ständig zu wiederholen, dass alle falsch liegen. Okay, dann liegen eben alle falsch, aber wie soll es denn weitergehen?

Gleichzeitig hoffen aber viele immer noch, dass Russland in Zukunft in Richtung „europäische Werte“ evolutionieren wird…

Klar, darin besteht ja die Idee der Modernisierung – sie setzt voraus, dass „wir noch nicht so sind, wie wir sein sollen“, aber wir werden schon mit der Zeit größer werden, so wie Kinder. Heute grassiert übrigens die schlimmste Fassung dieser Theorie, die darin besteht, dass wir von Natur aus oder genetisch anders sind. Kurzum, mit uns läuft irgendetwas vollkommen schief, wir sind ein absolut hoffnungsloser Fall usw. Das ist die Quelle einer furchtbaren Depression für einen großen Teil der russischen Gesellschaft.

Welcher Sprache sollen wir uns dann aber befleißigen? Sollen wir über allgemeine moralische und ethische Grundsätze sprechen, die uns einen könnten?

Ich finde, dass es eine ganze Reihe guter und erheblich vielversprechenderer Begriffe als die Werte gibt. Uns eint die gemeinsame Erfahrung, die gemeinsame Tat, die gemeinsame Kommunikation. Letztendlich ist es die Demokratie, die uns eint. Die Ideen der Selbstverwaltung, der Solidarität, des kollektiven Handelns verfügen über ein erheblich höheres Potential als die Sprache der Werte, die meines Erachtens vollständig in Verruf geraten ist.

Wie können wir der rhetorischen Sackgasse entrinnen, die Sie beschrieben haben? Gibt es eine Chance, die Begriffe neu zusammenzusetzen?

Meiner Meinung nach sollte jeder, der gegenwärtig in Russland Macht beansprucht, eine neue Sprache vorschlagen. Es liegt auf der Hand, dass wir uns mit der Sprache, die jetzt besteht, in einer Sackgasse befinden. Meine Hoffnungen verbinden sich damit, dass sich genügend Probleme – Ungleichheit, Willkür, fehlende Zukunftsvisionen – angesammelt haben, die eine neue Sprache nötig machen. Diese neuen Erfordernisse brauchen eine neue Sprache. Also werden wir neue Begriffe, neue Wörter und eine neue Sprache zu hören bekommen.

Könnte man nicht auch die alten Wörter rehabilitieren und ihnen ihren ureigenen Sinn wiedergeben?

Den ureigenen wohl kaum, denn ihr Sinn ändert sich ständig. Aber ja, die alten Wörter werden uns noch viele treue Dienste erweisen.

Empfehlen Sie mir also eine Umbenennung meines Projekts, das ich „Wertediskurs“ genannt habe, da eine Wertediskussion schädlich ist, wie Sie behaupten?

Sofern Sie als Forscher agieren, so handelt es sich genau um das, woran in letzter Zeit Mangel herrscht: die Analyse des Wertediskurses und dessen, wie er sich zusammensetzt. Es erscheint als selbstverständlich, dass Menschen Werte besitzen. Was aber meiner Meinung nach fehlt, ist die Betrachtung von Werten als diskursive Erscheinung, als etwas, das in der politischen Rhetorik und in der Ideologie entsteht, als Begriff, der eine bestimmte politische Last trägt und bestimmten Interessen dient.

DEMOSLAM: Format für Verständigung

Dr. Evgeniya Sayko, Kollegiatin im Hertie-Innovationskolleg und Mitgründerin des Science Slams in Russland, hat das Format DEMOSLAM in Rahmen ihres Projekts „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ entwickelt. Diese Methode dient dem konstruktiven Austausch über kontroverse und konfliktbeladene Themen.

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„‚Werte‘ ist ein gefährliches Wort“: Interview mit Dr. Greg Yudin (Teil 1)

Dr. Greg Yudin wird in Russland als neuer Star der russischen Soziologie gefeiert. Er ist Professor für politische Philosophie an der Moskauer Schule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Moskau, unterrichtet an der Higher School of Economics (HSE) und forscht für seinen PhD an der New School for Social Research in New York. Der Philosoph und Soziologe warnt, dass die Gespräche über Werte immer in die Sackgasse führen und für die internationalen Beziehungen schädlich sind. In seinem Impulsreferat «Gefährliche Werte und die Falle des Wertediskurses»  wird er am 1. März 2018 bei der Podiumsdiskussion Wertediskurs mit Russland: was läuft schief?  seine Thesen näher erläutern.

Das Interview hat Dr. Evgeniya Sayko im Rahmen ihres Projektes „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ geführt.  

Die Wertefrage ist im deutsch-russischen Dialog zum Stein des Anstoßes geworden: Sie führt zu Streit oder man versucht, ihr aus dem Weg zu gehen. Warum fällt es uns so schwer, über Werte zu reden?

Sobald wir beginnen, soziale Interaktion oder Politik mithilfe einer bestimmten Sprache zu beschreiben, dann ist die Sprache niemals neutral. Jeder Sprache sind gewisse Voraussetzungen inhärent. Die Sprache der Werte bewirkt ebenfalls eine bestimmte Ontologie, einen bestimmten Blick darauf, wie die Welt eingerichtet ist. Der Begriff der „Werte“ erscheint in Hermann Lotzes Philosophie, aus der er um die vorletzte Jahrhundertwende von einer anderen einflussreichen philosophischen Schule, dem deutschen Neukantianismus, übernommen wurde. Max Weber, einer der bekanntesten Neukantianer, postuliert, dass die Struktur der Welt durch Werte bestimmt wird und dass diese permanent miteinander im Kampf liegen, den er als „Götterkrieg“ bezeichnete. Das heißt, dass für uns die einen Dinge bedeutsam sind, während für andere Menschen andere Dinge keineswegs weniger Bedeutung haben. Unsere Werte sind keinen Deut besser als die Werte anderer Menschen, aber wir glauben an diese Werte genauso fest, wie andere Menschen an ihre Werte glauben. Und somit entsteht das Bild vom Wertekonflikt.

Ist es überhaupt möglich, sich über Werte zu einigen? Ist es möglich, übereinzukommen, um das zu erhalten, was wir als „universelle Werte“ bezeichnen?

Werte sind inkommensurabel. Es gibt keinerlei universelle Werte. Weber sagte Folgendes: Sie beispielsweise glauben an die rationale Erkenntnis, und das ist wunderbar, bitteschön, aber es gibt Menschen, die nicht daran glauben. Und Sie können ihnen nicht rational beweisen, dass man an die rationale Erkenntnis glauben muss. Es ist unmöglich, die Wissenschaft rational zu begründen. Darum hat Weber, wenn er mit seinen Studenten arbeitete, auch gesagt, dass es kein rationales Argument dafür gebe, dass man sich mit Wissenschaft befassen müsse. „Ich befasse mich mit ihr“, führte er aus, „und das ist das beste Argument. Ich mach euch jetzt klar, dass dies für mich bedeutsam und wichtig ist, dass ich mich dieser Sache verschrieben habe.“

Ich komme jetzt aber noch einmal auf unser Thema zurück. Warum ist unser Wertedialog immer so konfliktträchtig?

Weil die Sprache an sich eine problematische Angelegenheit ist. Sie lässt sofort die Idee des Konflikts zwischen unterschiedlichen Werten oder die Idee der Notwendigkeit entstehen, nach zweifelhaften universellen Werten suchen zu müssen. Weber hatte in dem Sinne recht, dass wir keinerlei Gründe für die Annahme haben, dass es universelle Werte gibt. Das lässt sich nicht rational beweisen.

Und der Wert des menschlichen Lebens? Oder der Menschenwürde, von der beispielsweise in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes die Rede ist?

Das menschliche Leben ist sehr wichtig, denn es ist das Einzige, womit wir auf die Welt kommen. Aber nicht das Leben an und für sich ist wichtig, sondern das, wie wir darüber verfügen. Jeder von uns könnte in einer bestimmten Situation sein Leben für etwas opfern, das ihm heilig ist. Wir werden zum Beispiel damit konfrontiert, dass irgendwelche Leute nach Europa kommen und sich dann mitten in Paris oder Berlin in die Luft jagen. Da fragt man sich, was für diese Leute wirklich wichtig ist – das menschliche Leben oder vielleicht etwas ganz anderes? Sofort heißt es, dass das Antimenschen sind, weil sie den primären Wert des menschlichen Lebens negieren. Lasst uns zusammenrücken, heißt es, lasst uns alle Grenzen schießen, lasst uns sie abwehren, weil unsere und ihre Werte inkompatibel sind. Die Sache ist aber die, dass der Begriff der „Werte“ zwangsläufig den Begriff der „Antiwerte“ voraussetzt, womit das gemeint ist, was für den Schutz unserer Werte bekämpft werden muss. Und unter dem Strich kommt heraus, dass wir nach universellen Werten gesucht, aber wieder einen Wertekonflikt bekommen haben.

Mit der Würde sieht es nicht anders aus. Ja, wir können eingestehen, dass alle Menschen in Würde leben wollen. Aber was ist das? Unsere Sichtweisen sind unterschiedlich. Die Aufgabe der Politik besteht darin, dafür zu sorgen, dass Menschen mit verschiedenen Ansichten über ein Leben in Würde miteinander leben, streiten und voneinander lernen können. Es ist nicht Aufgabe der Politik, alle Menschen unter ausschließlich einem – dem „richtigen“ – Verständnis von Würde zu vereinen.

Wenn wir Konflikte zwischen Menschen als Wertekonflikte beschreiben, dann implizieren wir dieser Beschreibung von vornherein, aber ohne es zu bemerken, eine Voraussetzung, die darin besteht, dass es zwischen uns tatsächlich unüberwindbare Gräben und unüberwindbare Hindernisse gibt. Oder wir müssen sagen: „Dann lasst uns doch nach universellen Werten suchen“, aber in dem Fall würde jeder Relativist à la Weber uns innerhalb von fünf Minuten ganz einfach vernichtend schlagen. Das ist genau das, was Russland aktuell auf globaler Ebene macht, wenn es gegenüber dem neoliberalen europäischen Diskurs eine zynische Haltung einnimmt: „Liberale universelle Werte? Um Himmels willen! Ihr glaubt doch selbst nicht wirklich daran. Erstens verratet ihr sie auf Schritt und Tritt, und zweitens gehen wir unseren eigenen Weg. Und, was sagt ihr dazu?“ Die Logik der Werte kann sich nicht gegen diese zynische Argumentation wehren, darum ist sie auch so überaus erfolgreich.

Aber diese Argumentation ist doch auch nicht unbegründet?

Sie nutzt die Schwachstelle der ganzen Werteideologie aus. Das Problem liegt darin, dass diejenigen, die sich dieser Sprache befleißigen, kaum eine Vorstellung davon haben, wie schwerwiegend die Konsequenzen dieser Sprache sind; sie verstehen nicht, dass es sich in Wirklichkeit um eine sehr gefährliche Theorie handelt. Weber und die Philosophie der Werte haben zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen, zu denen auch Carl Schmitt zählte, der dann nach dem Krieg die bekannte Schrift „Die Tyrannei der Werte“ verfasst hat. Schmitt war einer der größten Denker des vorigen Jahrhunderts. Er ist zwar umstritten, aber es empfiehlt sich, sein gesamtes Werk sehr aufmerksam zu lesen. Seine Argumente gegen Sprache und Logik der Werte habe ich zum Teil schon wiedergegeben: Einerseits setzen sie primär einen radikalen Konflikt und andererseits einen durchaus naiven Glauben daran voraus, dass man diesen Konflikt vermittels moralischer Begründungen oder „gesamtmenschlicher Werte“ zubetonieren könne. Schmitt kritisierte diese Sprache und erklärte, dass sie die Grundlagen für einen zukünftigen grausamen Krieg zwischen denjenigen, die sich für moralisch halten, und denjenigen schafft, die diese Menschen für amoralisch halten, weil sie nicht bereit sind, die universellen Werte zu teilen. Der Krieg im Namen universeller Werte ist der schrecklichste, den man sich vorstellen kann, weil es nichts Schrecklicheres als Krieg im Namen des ewigen Friedens gibt.

Also läuft ein Wertedialog immer auf Entfremdung hinaus?

Die Sache ist die, dass man in diesem Zusammenhang keine produktive Argumentation und kein einigendes politisches Handeln auf den Weg bringen kann. Es ist sehr einfach, mithilfe der Sprache der Werte zu argumentieren, warum es einen radikalen Bruch à la „Konflikt der Zivilisationen“ gibt, aber es ist sehr schwierig, hier eine einigende Logik aufzubauen. Sie haben ja das deutsche Grundgesetz erwähnt. Wieso hat Schmitt die Anwendungspraxis des Grundgesetzes im Nachkriegsdeutschland kritisiert? Weil angenommen wurde, dass das Gesetz erforderlich ist, um konkrete Werte umzusetzen. Er sagt: „Hört mal, mit euren Werten fallt ihr immer wieder auf die Nase. Ihr behauptet, dass es bestimmte universelle Werte gibt, und jemand, der sich nicht an unsere universellen Werte hält, der ist eben noch nicht so weit. So, und dann geht der Krieg los – zwischen denjenigen, die schon so weit sind, und denen, die noch nicht so weit sind. Ihr habt genau das getan, was ihr verhindern wolltet.“ Darum handelt es sich leider um ein gefährliches Wort. Ja, es ist allgegenwärtig, aber es ist gefährlich.

Das bedeutet natürlich keinesfalls, dass ein Dialog unmöglich ist. Ganz im Gegenteil, er ist möglich, und das in unterschiedlichen Formen – mögen es mal etwas expressivere, mal durchaus friedfertige sein, aber die Sprache der Werte eignet sich für diesen Dialog nicht besonders.

Sie meinen also, dass wir, weil wir diese Sprache benutzen, uns selbst in eine Begriffsfalle gelockt haben? Aber die Werte sind doch in völkerrechtlichen Dokumenten verankert. Gibt das nicht dem Westen, nennen wir ihn mal so, das Recht, von Russland die Einhaltung dieser Werte einzufordern?

Ist es überhaupt erforderlich, in diesem Zusammenhang Werte zu bemühen? Das bringt nicht wirklich viel. Wenn jemand etwas unterschrieben hat, dann sollte er sich daran halten. „Pacta sunt servanda“, so lautet ein ganz wichtiger Grundsatz des Rechts. Was haben Werte damit zu tun? Das, was man unterschrieben hat, muss eingehalten werden, und damit hat es sich.

 

Fortsetzung hier.

Von Fischen, Anglern und Integration: Wie Arbeitgeber zu Engagement motivieren können

„Der Köder muss schließlich dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Irgendwann zwischen Post-it-Kleben und Ideen-Design stand diese Weisheit im Raum. In Berlin und Frankfurt hatten meine Mit-Kollegiatin Anne-Maria Kortas und ich in den letzten beiden Wochen je ein Werkstatt-Treffen mit Vertreter*innen aus Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen sowie Ehrenamtlichen organisiert. Mein Ziel war es herauszufinden, welche Erfahrungen die verschiedenen Akteure mit Corporate Volunteering im Integrationsbereich gemacht hatten und welche Bedarfe sie sahen. Anne-Maries Ziel war es, Methoden der Bedarfsanalyse an neuen Fragestellungen und in heterogenen Gruppen zu erproben.

Und jetzt Angler und Fische?

In der Tat hatte ich in den letzten Monaten zeitweise das Gefühl gehabt mit meinem Projekt ‚Corporate Volunteering for Intercultural Encounters‘ „im Dunkeln zu fischen“. In den verschiedenen, nicht selten widersprüchlichen Erwartungen, die an das Konzept gestellt werden, kann man leicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass Corporate Volunteering immer nur ein Weg zum Ziel, nicht das Ziel selbst ist – eine wichtige Leitlinie, die in den Werkstatt-Treffen betont wurde. Klarheit und Transparenz der Interessen und Wirkung, die die Beteiligten erreichen möchte, bedingen den Erfolg ganz besonders in sektorenübergreifenden Kooperationen und so kam das Thema Wirkungsmessung immer wieder zur Sprache.

Klarheit beginnt bei der Definition, was Corporate Volunteering überhaupt ist. In meinem Projekt meint es: Arbeitgeber fördern, dass ihre Mitarbeiter*innen sich zivilgesellschaftlich engagieren. Der Arbeitgeber quasi als Wegbereiter für gesellschaftliches Engagement. Die Ausgangsfrage meines Projekts lautet, inwiefern Arbeitgeber und gemeinnützige Organisationen durch Kooperationen in der Lage sind, mehr Bürger*innen aktiv in den Integrationsprozess von nach Deutschland geflüchteten Menschen einzubeziehen. Denn eine aktive Demokratie und das Aushandeln von politischen Debatten leben jeden Tag im Engagement von Menschen für ihre Gesellschaft.

Was für Engagement häufig fehlt ist Zeit. Viele Menschen haben das Gefühl, zwischen den Anforderungen im Job, in der Familie und bei Freizeitaktivitäten kaum zum Durchatmen zu kommen. Doch Zeit ist es, die gesellschaftlicher Zusammenhalt braucht, um gedeihen zu können. Zeit, um sich kennenzulernen, Zeit, um sich zu verstehen. Wenn unsere schnelllebige Arbeitswelt nun aber immer mehr von unserer Zeit einfordert, wie vereinbaren wir Arbeit und Gesellschaft?

Indem wir uns zusammentun und Menschen in ihrem beruflichen Umfeld Impulse für gesellschaftliches Engagement anbieten. Die Teilnehmer*innen der Werkstatt-Treffen waren sich einig: Engagement im Bereich Integration muss langfristig und nachhaltig sein. Hier dürfen vor allem die gemeinnützigen Organisationen nicht ihre Wirkungsziele aus den Augen verlieren und sollten selbstbewusst auch mal Nein sagen, wenn eine Corporate Volunteering-Anfrage ihre Kapazitäten übersteigt oder zusätzlicher Aufwand nicht angemessen kompensiert wird. Niederschwelligen Aktionen zum Engagement-Schnuppern können aber ebenfalls ihre Berechtigung haben, wenn sie als Engagement-Zünder wirken und weiterführende Engagement-Möglichkeiten aufzeigen.

Engagierte Mitarbeiter*innen sind wertvoll: Menschen, die gelernt haben, die Perspektive zu wechseln, sich auf Unbekanntes einlassen können und Ambiguität aushalten, reflektieren auch ihre beruflichen Rollen intensiver und zeigen Empathie und Resilienz in Interaktionen. Engagement im Integrationsbereich fördert darüber hinaus in ganz besonderer Weise interkulturelle Kompetenz. Gute Gründe, den Mitarbeiter*innen attraktive Angebote zu machen. Die Werkstatt-Treffen haben hierfür folgende Erfolgsfaktoren identifiziert:

  • Klare Strukturen, die wechselseitige Lernerfahrungen erleichtern
  • Spaß und Erfolgserlebnisse
  • Glaubwürdigkeit des Engagements, abseits von Öffentlichkeitswirksamkeit
  • Nachhaltige Wirkung
  • Aktive Einbeziehung von Mitarbeiter*innen, Zielgruppen und Netzwerken bei der Konzeption, um auf bestehenden Interessen und Aktivitäten aufzubauen

So wirken engagierte Mitarbeiter*innen als Multiplikator*innen, genau wie intrinsisch motivierte Ansprechpartner*innen innerhalb aller beteiligten Organisationen und Unternehmen. Diese Menschen sind Schlüsselfiguren auf einem gemeinsamen Weg zu einem besseren Wir.

An einem besseren Wir arbeitet das deutschlandweite Netzwerk von Über den Tellerrand schon seit 2013. Unsere Erfahrung ist, dass positive ‚Begegnungen auf Augenhöhe‘ zwischen geflüchteten und beheimateten Menschen zu selten zufällig passieren. Neben Zeit brauchen sie auch Raum. Raum, an dem sich alle Beteiligten willkommen und wohl fühlen und an dem Fragen von Status und persönlicher Lebenswelt zumindest zeitweilig in den Hintergrund rücken. Es wird also im weiteren Verlauf meines Kollegjahres darum gehen, Raum und Zeit zusammenzubringen. Und zwar so, dass es allen schmeckt.

(Marieke Schöning)