Hertie Innovationskolleg

Zug um Zug Über den Tellerrand

Beim Lesen stolpere ich gerne. Über Wörter. Das hat ein bisschen was von Memory spielen. So als ob man gerade zwei Spielkarten aufgedeckt hat, die nicht zusammengehören. Auf den zweiten Blick passt so ein neues Wortgeschöpf dann aber doch oft ziemlich gut zusammen.

Gestolpert bin ich auch beim Nachdenken über diesen Text: Ständig kam mir das Wort Familiennachzug in den Sinn.

Ich habe mich in der zweiten Hälfte meines Jahres im Hertie-Innovationskolleg darauf konzentriert, mein Ausgangsthema ‚Corporate Volunteering für mehr Integration‘ zu konkretisieren. Bei Corporate Volunteering geht es uns von Über den Tellerrand Frankfurt e.V.  darum, die Mitarbeiter*innen von unseren Partnerunternehmen für das Engagement im Integrationsbereich zu motivieren. Uns ist es wichtig, dass wir dabei nicht nur auf beheimateter Seite – nämlich bei den teilnehmenden Mitarbeiter*innen – neue Menschen erreichen, sondern dass wir im selben Zug Angebote für Menschen mit Fluchtgeschichte schaffen, die wir bisher weniger ansprechen konnten: Frauen, Kinder, Familien.

Für geflüchtete Frauen mit Kindern ist es – wie ganz generell für viele Frauen mit Kindern – schwieriger, Integrationsangebote zu nutzen. Zu wenig Kinderbetreuung und seltene Momente der Ruhe werden häufig als Hürden für das Deutschlernen dargestellt. Mit Kinderwagen und allerlei Gepäck ist außerdem jeder Weg in die Stadt anstrengender; die Zeitplanung richtet sich verständlicherweise nach den Bedürfnissen der Kinder. Alles unter einen Hut zu bekommen ist eine Herausforderung. Begrenzte finanzielle Mittel, eine häufig isolierte Wohnlage auf gleichzeitig beengtem Raum, das Fehlen eines  langfristig gewachsenen Hilfsnetzwerks aus Familie und Freunden – diese Rahmenbedingungen erschweren es geflüchteten Familien anzukommen.

Wenn im Integrationsdiskurs von Familien die Rede ist, geht es aber meist um eines: Familiennachzug.

Doch wenn es nur um die Frage geht, wer reindarf oder wer raus soll, vergessen wir, dass viele Menschen jetzt hier sind und das Recht haben, hier zu sein. Die meisten dieser Menschen wollen ankommen. Und es gibt viele beheimatete Menschen, die dieses Ankommen unterstützen möchten. Das trifft auch auf viele Menschen zu, deren Zeitkontingent für Engagement durch Familienverpflichtungen begrenzt ist.

Wir haben deshalb im Hertie-Innovationskolleg etwas getestet: Engagement-Nachzug!

In der betrieblichen Sommerflaute wurden Mitarbeiter*innen von ihren Frankfurter Unternehmen freigestellt, um mit und ohne ihre eigenen Familien, ein mehrtägiges Ferienprogramm für geflüchtete Familien auf die Beine zu stellen. Außerdem läuft seit August in Kooperation mit unserer Frankfurter Partnerorganisation Family Playdates und der Deutsche Bank AG das „Familiy Buddy“ Programm, über das Mitarbeiter*innen und ihre Familien mit einer Partnerfamilie mit Fluchtgeschichte in Verbindung gesetzt werden. Die Familientandems treffen sich seitdem individuell und in einem begleitenden Rahmenprogramm mit gemeinsamen Koch- und Spieleaktivitäten.

So bauen wir, wie im gleichnamigen Spiel, „Zug um Zug“ neue Verbindungen, erleichtern gemeinsam mit unseren Unternehmenspartnern den Zugang zu gesellschaftlichem Engagement und schaffen eine Basis für gemeinsames Ankommen und gemeinsames Weiterreisen.

Dieser Artikel wurde von Marieke Schöning geschrieben. Mehr Informationen zu Über den Tellerrand Frankfurt e.V. gibt es hier.

Refugee Open Cities: Interview mit Stefan Mekiffer

Am 14. August 2018 eröffnete unser Kollegiat Stefan Mekiffer das Baucamp Gasterfeld unter dem Titel “Refugee Open Cities”. Gemeinsam mit Geflüchteten, Freiwilligen und Professionellen aus der Region erarbeitete Stefan ein Konzept, damit die Unterkunft Gasterfeld stärker einem Ort der Begegnung und weniger einer Notfall-Unterkunft, in der Geflüchtete passiv verwaltet werden, entspricht. “Refugee Open Cities” ist ein inklusives Projekt, das verschiedene Talente aller partizipierenden Akteure vereint. Es wird somit ermöglicht, dass entsprechend der Bedürfnisse der Bewohner Räume gestaltet und renoviert werden.

Wir haben Stefan gefragt, wie die Arbeit des Baucamps vor Ort ausgesehen hat:

Wie funktionierte die Zusammenarbeit zwischen den Ehrenämtlern und den Bewohnern der Unterkunft Gasterfeld? 

Es gab im Grunde drei Parteien: Ehrenämtler, Bewohnerinnen und eine Handvoll professionelle Handwerkerinnen und Handwerker. Letztere planten die einzelnen Baustellen und Arbeitsschritte. Freiwillige, Geflüchtete und AnwohnerInnen konnten bei ihrer bevorzugten Aufgabe andocken und dort beliebig bleiben – je nach Lust und Zeitbudget. Das hat im Allgemeinen sehr gut geklappt.

Welche unterschiedlichen Talente haben sich durch das Baucamp zusammen gefunden? 

Wir haben natürlich darauf geachtet, dass unsere Crew von Profis über alle relevanten Fertigkeiten verfügte – wir hatten eine Schneiderin, einen Maler und mehrere Zimmerleute. Aber gerade unter den Geflüchteten fanden wir wieder viele Talente – einen phantastischen Schneider, einen Designer und Innenarchitekten sowie großartige Köchinnen und Köche, die die ganze Truppe versorgt haben.

Ist die Unterkunft jetzt stärker zu einem Haus der Begegnung geworden? Was sind deiner Meinung nach hier die entscheidenden Kriterien?

Die Unterkunft selber nicht, aber das Haus, in dem wir die Gemeinschaftsräume gebaut haben. Hier können jetzt die Bewohnerinnen und Bewohner der verschiedenen Kulturkreise miteinander Zeit verbringen und auch Ehrenamtliche können sich hier aufhalten und Projekte anbieten. Das ist eine große Verbesserung.

Ihr habt ja sehr eng mit dem Landkreis und den hessischen Behörden zusammengearbeitet. Wie hast du diese Zusammenarbeit empfunden?

Als sehr förderlich. Ohne die Unterstützung der Behörden wäre es nicht möglich gewesen ein derartiges Projekt in der Anlage umzusetzen. Es gibt hier zahlreiche engagierte Menschen, sowohl in der Verwaltung als auch in der Anlage vor Ort. Um ein solches Projekt anderswo und ohne die Unterstützung einer großen Stiftung umzusetzen, bräuchte es zudem auch die Finanzierung durch das Bundesland oder den Bund; davor stehen allerdings hohe bürokratische Hürden. Hier sind, wie ich glaube, noch einige Möglichkeiten offen.

Wie geht es jetzt weiter in Gasterfeld? 

Es gibt dort Gedanken, noch weitere Räume zu errichten, darunter eine Werkstatt. Wir werden sehen, ob sich das umsetzen lässt. Ansonsten werden die Räume jetzt von einer Hausleiterin betreut und stehen den Geflüchteten zur Nutzung bereit – wir sind gespannt zu verfolgen, wie sich das weiter entwickelt!

Stefan Mekiffer wird am 17. Oktober im Ahoy!, Berlin das Projekt “Refugee Open Cities” vorstellen. Für alle Interessierten gibt es hier weitere Information zu der Veranstaltung. 

Zur Diskussionsrunde Alltag Integration

Die Gegner*innen der Integration

Am 4. September fand die dritte Veranstaltung der Themenreihe Alltag Integration: Akteure vor Ort im Zagreus Projekt, Berlin statt. Zusammen mit Akteuren aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Medien, Politik und Wirtschaft diskutierten wir über  “die Gegner und Gegnerinnen der Integration“. Wie begegnen Kommunen, engagierte Bürger*innen und Geflüchtete Ressentiments, Rechtsradikalismus und struktureller Diskriminierung? Welche Herausforderungen beeinflusst die Arbeit von NGOs und Kommunen? Wie gefährlich sind Ressentiments gegenüber Geflüchteten für unsere Gesellschaft?

In zwei kurzen Impulsvorträgen stellten zuerst Dr. Liane Bednarz, Publizistin und Juristin, und anschließend Tahera Ameer von der Aktion Schutzschild , ihre Erfahrungen aus Praxis und Journalismus zu Widerständen gegenüber der Integration von Geflüchteten zur Debatte. Frau Dr. Bednarz thematisierte die Rhetorik der neuen Rechten und zeigte auf, wie die von ihr verwendeten Begrifflichkeiten bereits in den gängigen Diskurs bzw. die „Mitte der Gesellschaft“ Einzug gehalten haben. Ihr Fazit ist, dass vor allem ein guter Dialog notwendig ist, um Personen zu verstehen, die mit dem Programm der AfD oder politisch rechten Szenen sympathisieren. Tahera Ameer arbeitet hauptsächlich in Mecklenburg Vorpommern. Sie berichtete über konkrete Übergriffe an Geflüchtete und ihrer Erfahrung mit den Behörden vor Ort.

Dr. Liane Bednarz über die neue Rechte in Deutschland und ihre Aneignungsstrategien: 

Tahera Ameer über Minderheitenmeinungen im Mainstream:

In diesem Jahr veranstaltete das Hertie-Innovationskolleg zusammen mit dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) drei Diskussionsrunden zum Thema Alltag Integration: Akteure vor Ort. Bei einem informellen Dinner wurde mit Akteuren aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Politik, Stiftungswelt, NGO und Wirtschaft über ausgewählte Aspekte der Migration- und Integrationsdebatte gesprochen. Mit diesem Format wollen wir einen offenen Denkraum schaffen, in dem sich die Teilnehmer austauschen und voneinander lernen können. Unsere Diskussionen nehmen Integration vor Ort in den Blick und thematisieren ihre dynamischen und wechselseitigen Aushandlungsprozesse im Alltag.

Digital First bei den Öffentlich-Rechtlichen Medien?

So ziemlich jeder kennt seit der letzten Bundestagswahl die politische Forderung „Digital First“ –  die wenigsten von uns haben sie bislang aber mit den öffentlich-rechtlichen Medien in Verbindung gebracht. Umso mehr freute es mich, in der Veranstaltungsreihe „Demokratie und Medien“ am 26.09.2018 bei der Schwarzkopfstiftung einen Gast moderieren zu dürfen, der u.a. genau dies fordert: Im tosenden Meer des Netzes, die Plattformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu Leuchttürmen von Qualität von Verlässlichkeit auszubauen.

Neben seiner Intendantenfunktion bei Radio Bremen veröffentliche Jan Metzger im Zuge seines Vorsitzes der Arbeitsgruppe ARD-Multiplattform-Strategie 2017 ein 8-seitiges Strategiepapier zu Möglichkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter und für die Stärkung junger Inhalte. Nach einem rund fünfundzwanzigminütigen Impulsvortrag (hauptsächlich aus jenem Papier) stiegen Herr Metzger und ich direkt in die Diskussion ein. Dafür besprachen wir zunächst eine übergeordnete Ebene, nämlich die des prinzipiellen Auftrags von Medien bzw. der Bedeutung des Internets, bevor wir konkret über die Online-Strategie der Öffentlich-Rechtlichen sprachen. Jan Metzger erläuterte, dass aus seiner Perspektive der technologische Wandel nicht mehr umzukehren sei und es insofern darauf ankomme, die Stärken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die nicht-lineare Welt des Internets zu übersetzen. Was es dafür brauche, sei eine Strategie die sowohl die Stärkung eigener Plattformen wie auch die Präsenz auf relevanten Drittplattformen umfasse. Interessant zu beobachten war, wie Herr Metzger während unseres Gespräches immer wieder seine Perspektive zwischen beruflicher und bürgerlicher wechselte. So viele begrüßenswerte Informationsfreiheiten ihm das Internet als Bürger auch gebracht habe, so schwierig sei es aus journalistischer Sicht den Überblick über die Fakten zu behalten. „Es ist unser Auftrag, Meinungsvielfalt herzustellen, zur kulturellen Verständigung und zur gesellschaftlichen Integration in unserem Land beizutragen“, formulierte Metzger während unseres Gesprächs den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen Medien. Dieser Auftrag werde in Zeiten der massiven Veränderung der gesellschaftlichen Kommunikation noch wichtiger, so Metzger. Die Gesellschaft brauche auch und gerade in der digitalen, von globalen Plattformen beherrschten Medienwelt verlässliche, relevante und glaubwürdige Qualitäts-Anbieter-Medien. Nehmen die Anstalten diesen Auftrag an, sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Zukunft gut gewappnet.

Ob der gesetzliche Auftrag dies in Zukunft zulässt, wird sich zeigen. Der derzeitige Rundfunkstaatsvertrag limitiert die Ausgaben für Digitales noch unter 10%. Bei allem Engagement im Digitalen wird die Ressourcenverteilung in den kommenden Jahren zugunsten des klassischen Bereichs ausfallen. Digital First gibt es dann möglicherweise mit dem nächsten Rundfunkstaatsvertrag.

Dieser Artikel wurde verfasst von Marius Krüger.