Hertie Innovationskolleg

Warum Migration bei uns ein Problem ist – und eigentlich überhaupt nicht sein müsste Teil II

Der bessere Masterplan

Dieser Artikel wurde verfasst von Stefan Mekiffer, Ökonom, Kulturwissenschaftler, Philosoph und Autor. Im Rahmen des Hertie Innovationskollegs betrieb er das Projekt Refugee Open Citites, in dem er gemeinsam mit Geflüchteten in Unterkünften Gemeinschaftsräume gestaltete. Er lebt in Berlin und Waldeck.

Migration, egal ob bedingt durch Flucht, Zwang und Vertreibung oder durch die Hoffnung auf ein  besseres Leben, ist historisch und ökonomisch gesehen eher eine Chance denn ein Problem, gerade auch für das neue Heimatland der Geflüchteten. Dieser Eindruck, das muss man zugeben, drängt sich nicht gerade auf, wenn man verfolgt, wie schwer sich Behörden mit der Versorgung und der Integration Geflüchteter tun. Woher kommt das? Warum dominiert der Eindruck, dass Geflüchtete Probleme statt Gelegenheiten mit sich bringen – und wie kann man diese positiven Potentiale nutzen?

Wenn man als Mensch auf der Flucht in Deutschland ankommt, und denkt, man hätte die lange Reise endlich hinter sich – dann fängt eine andere Reise erst an. Diese ist vielleicht nicht gefährlicher, aber zuweilen komplizierter: Die Odyssee durch Unterkünfte und Behörden. Prinzipiell besteht der Weg zum Asyl aus folgenden fünf Schritten:

  1. Wer den Weg nach Deutschland geschafft hat (und es vermieden hat, in den Mittelmeerländern Italien und Griechenland registriert zu werden), muss sich persönlich in einer Erstaufnahmeeinrichtung anmelden. Dies sind üblicherweise hoch umzäunte Gelände mit Polizei, Kantine und großräumigen Schlafsälen.
  2. Nach der Erstaufnahme wird der Asylantrag gestellt: Es werden Passbilder geschossen und Fingerabdrücke aufgenommen. Die Asylbehörde stellt Fragen über Fluchtursachen, die später noch relevant sein werden. Zudem findet ein Abgleich mit europäischen Datenbanken statt – denn wer bereits in einem anderen Land angemeldet ist, darf keinen Antrag stellen, sondern wird in dieses Land zurückgeschickt.
  3. Nach durchschnittlich drei Monaten werden die Geflüchteten nach einer errechneten Quote verschiedenen Landkreisen zugewiesen. Auf Verwandte, Freundschaften oder sonstige persönliche Bindungen wird dabei keine Rücksicht genommen, außer bei Ehepartnerinnen und -partnern und minderjährigen Kindern. Dort wird die weitere Unterbringung bis zum Ende des Asylverfahrens organisiert – im besseren Fall in eigenen Wohnungen oder dezentralen Gruppenunterkünften; im schlechteren Fall in großen Gemeinschaftsunterkünften in ehemaligen Kasernen oder Flughäfen, wo mehrere Hundert Menschen verschiedener Nationalitäten relativ isoliert von der Außenwelt leben. Dort muss vor allem gewartet werden – in den ersten neun Monaten gibt es kein Recht auf einen Sprachkurs und grundsätzlich keine Arbeitserlaubnis, und noch bis zum fünfzehnten Monat müssen Asylbewerberinnen und -bewerber jeden Job gleichqualifizierten deutschen Mitbewerbenden abgeben.
  4. Es folgt die Anhörung beim BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Da selten konkrete Beweise für die persönliche Verfolgung vorliegen, ist diese mündliche Anhörung die zentrale Entscheidungsgrundlage für den Asylantrag. Nennenswerte Erfolgsaussicht hat dieser jedoch nur, wenn das BAMF davon ausgeht, dass in der Ursprungsregion überhaupt staatliche Verfolgung stattfindet – was dazu führt, dass viele Geflüchtete aus Albanien, Serbien und dem Kosovo nicht aufgenommen werden, weil die Bundesregierung diese Länder als sicheres Herkunftsland einstuft. Etwa ein Drittel der Anträge werden daher gar nicht erst inhaltlich geprüft.
  5. Es folgt entweder die Gewährung des Asyls – oder letztendlich die Abschiebung. Allerdings wird gegen die meisten ablehnenden Asylbescheide geklagt – in fast der Hälfte der Fälle erfolgreich, weil die Ablehnungen vom BAMF ungenügend begründet sind. Aber auch bei einer positiven Entscheidung verbleiben viele Geflüchtete noch Monate in der Unterkunft – zwar müssen sie dann Miete zahlen, jedoch hindert sie oft ein heiß umkämpfter Wohnungsmarkt, auf dem sie auch noch häufig diskriminiert werden, daran, das Lager schnell zu verlassen.

Jeder einzelne dieser Schritte stellt eine hohe psychische Belastung dar. In Sammelunterkünften in Hallen und Lagern ohne Privatsphäre wohnen zu müssen bedeutet massiven Stress. Viele Unterkünfte sind in Randbezirken gelegen – was ohne ein Budget für eine Monatskarte gesellschaftliche und kulturelle Isolation bedeutet. Zudem werden die Geflüchteten ohne Sprachkurs und Anleitung in einen zermürbenden Dschungel aus Paragraphen geschickt.  Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Englisch, Französisch, Arabisch und Farsi sind selten, für Sprachen wie Urdu oder Tigrinya schlechterdings nie vorhanden.

All dies ist nochmal schwieriger geworden, seit ab 2015 das BAMF umstrukturiert wurde. Das Ziel war, die Asylverfahren schneller und günstiger zu gestalten. Statt jedoch mehr Sachbearbeitende einzustellen, wurde vermehrt die individuelle Bedarfsprüfung zugunsten standardisierter Verfahren aufgegeben. Zentrales Mittel dafür sind Textbausteine – klobig-komplizierte mechanische Sätze, die schon für Muttersprachler*innen schwer zu verstehen sind, und für Geflüchtete oft unüberbrückbare Hürden darstellen. Schneller wurde dieses Verfahren dadurch nur auf dem Papier – schließlich sind durch die oberflächlichere Bearbeitung die Entscheidungen deutlich anfechtbarer geworden, wodurch die langsameren und teureren Gerichte die notwendige Arbeit übernehmen müssen. Hier wurde weder Zeit noch Geld gespart.

Trotzdem dauert die Bearbeitung des durchschnittlichen Asylantrags zur Zeit durchschnittlich etwas mehr als sieben Monate, nach offiziellen Angaben. Darin mitgerechnet ist jedoch weder die Zeit, die es dauert, bis die Erstaufnahme und der Antrag durchgeführt werden, noch die Dauer der  Gerichtsverfahren im Falle einer Anfechtung, noch die Zeit, die Menschen auf Wohnungssuche im Lager bleiben. Es ist keine Seltenheit, in einer Gemeinschaftsunterkunft Menschen zu begegnen, die seit einem oder sogar mehreren Jahren warten. Was immer das Ziel dessen ist: Es ist keine gute Grundlage für gelungene Integration; es ist eher der effektivste Weg, diese im Keim zu ersticken. Wer zwei Jahre in einer Unterkunft verbracht hat, abgelehnt durch kryptische Briefe, in einer kafkaesken Warteposition gehalten, wie eine Zahl verwaltet, muss von herausragender psychischer Gesundheit sein, um hier ungebrochen hinauszugehen. Da die meisten Geflüchteten jedoch eher noch unter den Folgen des Krieges und der Flucht leiden und da sie auch in den Unterkünften keine nennenswerte psychologische Unterstützung erhalten, wandelt sich die Hoffnung und das Engagement der Geflüchteten schnell in Apathie, Resignation, Isolation, Depression, manchmal Aggression. Und diese Eindrücke dominieren den Diskurs.

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie das besser laufen könnte. Man muss sich lediglich in die Position der Geflüchteten hineinversetzen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber wenn ich wegen eines Krieges aus Europa in ein fernes Land fliehen müsste, würde ich hoffen, dass die Menschen mich dort willkommen heißen. Dass jemand da ist, der mir die Hände schüttelt und sagt: „Sie Ärmster, es tut mir leid zu hören, dass Sie Schreckliches erleben und fliehen mussten – aber schön dass sie da sind!“ Dass ich zuverlässige Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner habe, die mir helfen, die ersten Schritte zu gehen. Dass ich psychologische Betreuung erfahre, um die Traumata des Krieges zu heilen. Dass mir ein Sprachkurs vom ersten Tag an angeboten wird – egal, ob ich nun bleiben werde oder nicht. Dass ich Ausbildungs- oder Arbeitsmöglichkeiten bekomme – egal, ob ich nun bleiben werde oder nicht. Dass ich mit meiner Familie gemeinsam untergebracht werde – und dass mir geholfen wird, meine Familie ebenfalls aus dem Kriegsgebiet zu holen. Dass mein Gastland sich vielleicht sogar für Frieden in meiner Heimat einsetzt – oder zumindest den Konflikt nicht durch Waffenexporte in meine kriegserschütterte Heimat verschärft.

All das liegt eigentlich auf der Hand, ist aber weit entfernt von der gegenwärtigen Politik. Aber einige konkrete Vorschläge in diese Richtung sollen doch vorgestellt werden: Anhand dieser einfachen Überlegungen kann man sich jetzt fragen, was das bedeutet für uns als Gesellschaft, die sich in der Rolle des Ziellandes von Flucht wiederfindet. Welche Maßnahmen würden dazu führen, dass das tatsächliche Erlebnis von Geflüchteten und der aufnehmenden Gesellschaft näher dieser Wunscherfahrung läge?

  1. Fluchtursachen bekämpfen! Flucht ist immer nur ein Symptom, für das Krieg, Hunger und Armut die Ursache sind. Am meisten ist daher für die Geflüchteten getan, wenn sie nicht flüchten müssen. Oft sind die Gründe nicht zuletzt wirtschaftliche, an denen auch Europäische Länder zentral beteiligt sind: Hunger und Armut sind das zentrale Ergebnis von Enteignung von Kleinfarmen und der Privatisierung öffentlicher Güter und Einrichtungen, die lokale Ernährungssouveränität untergraben. Staatsschulden, oft illegetim und zu Wucherzinsen vergeben, schränken die Handlungsfähigkeit vieler lokaler Regierungen ein und produzieren Hunger (was sich gegenwärtig in Somalia als Fluchtursache bemerkbar macht). Und der Unwillen reicher Länder, Flüchtlingslager in Konfliktzonen durch die internationale Gemeinschaft angemessen zu finanzieren, schickt Notleidende auf viel weitere Fluchtwege als nötig. Eine Entwicklungspolitik mit dem Ziel, die Souveränität anderer Länder zu stärken, würde auch viel Flucht und Leid unnötig machen. Besonders eindrücklich zeigt sich das im Bezug auf Waffenexporte: 60% der deutschen Waffenexporte gingen 2017 in Krisengebiete, Tendenz stark steigend. Sicherlich ist das Vorhandensein von Waffen keine hinreichende Ursache für einen Krieg, jedoch ist ein Krieg ohne Waffen nicht denkbar. Deutsche Unternehmen exportierten im Jahr 2016 Waffen im Wert von 6,24 Milliarden Euro, das ist ein halbes Prozent des Gesamtexports – selbst unter ökonomischen Gesichtspunkten ein für die Gesamtwirtschaft vernachlässigbarer Posten, der den politischen, sozialen und auch ökonomischen Kosten des Krieges in keiner Weise entspricht. Eine Regierung, die sich tatsächlich für Frieden und das Wohl Geflüchteter einsetzt, würde alle Waffenexporte stoppen, und ihre Verbündeten dazu anhalten, dasselbe zu tun.
  2. Den bürokratischen Aufwand verringern! Es liegt im Interesse sowohl der Geflüchteten als auch des neuen Heimatlandes, die Dauer des Asylverfahrens zu reduzieren. Dies kann jedoch nicht auf Kosten der Qualität gehen – wenn alle negativ Beschiedenen in Berufung gehen und fast die Hälfte der Bescheide von Gerichten aufgehoben werden müssen, ist weder Geld noch Zeit gespart. Die 56,4 Millionen €, die das BAMF in Unternehmensberatungen (hauptsächlich McKinsey) investiert hat, und die wesentlich zu dem aktuellen ineffizienten Verfahren geführt haben, wären besser in zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investiert gewesen – die keine 2700 € Tagessatz brauchen um deutlich zweckdienlichere Arbeit leisten. Ansonsten ist es natürlich auch legitim, bei Bedarf das Budget für eine Einstellung zusätzlicher Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter zu erhöhen – schließlich verhindert eine zügige Entscheidung zusätzliche Kosten durch die verlängerte Unterbringung in Unterkünften, sowie für die langfristigen psychischen und sozialen Schäden, die durch die unerträgliche Wartesituation  bei den Geflüchteten entsteht. Direkte Unterstützung und Betreuung bei der Antragstellung sowie eine soziale Wohnungspolitik können zudem die Wartezeit in den Unterkünften noch weiter verringern.
  3. Wartezeit nutzen! Es ist eine Verschwendung von Geld und Lebenszeit, dass Geflüchtete für Monate zu Untätigkeit in Unterkünften verdammt sind. Die Wartedauer kann verkürzt, aber der notwendige Rest sollte auch genutzt werden – egal ob die Menschen bleiben oder wieder gehen müssen. Folgendes bietet sich dafür an: 

Sprachkurse – es gibt keinen Grund, warum diese nicht angeboten werden, sobald Geflüchtete sich in der Lage fühlen diese zu belegen. Selbst wenn sie bald wieder gehen, tragen sie so ein paar Brocken deutscher Grammatik in die Welt – für keinen anderen Zweck leisten wir uns in anderen Ländern ein Netz an Goethe-Instituten. Warum sollten wir da gerade zuhause, wo die Sprachkenntnis dringend gebraucht wird, an Kursen sparen?

Psychologische Betreuung – versteht sich eigentlich von selbst. Wie kann man von einem durch Krieg traumatisierten Menschen erwarten, sich einzugliedern? Das mindeste ist, psychologische Erste Hilfe zu leisten und zu helfen, die Geschehnisse zu verarbeiten. Egal, ob die Menschen bleiben oder in ihre Heimat zurückkehren – beides wird schwerer, wenn sie ungelindert Leid in ihre neue oder zurück in ihre alte Heimat tragen.

Schulbildung, Ausbildung, Arbeitserlaubnis vergeben – denjenigen, die bereit und gesundheitlich und psychisch in der Lange sind zu arbeiten, sollte die Möglichkeit dazu gegeben werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass der Mindestlohn nicht unterschritten wird – und dass Geflüchtete während der gesamten Zeit ihrer Ausbildung im Land bleiben können, um dem auszubildendem Betrieb einige Planungssicherheit zu ermöglichen. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in den Asylprozess einzubinden – es gibt zahlreich Fälle von gut integrierten Geflüchteten, die zum Ärger ihrer Chefinnen und Chefs ausgewiesen wurden.

Einbindung in die Unterkunft – Zuletzt und gerade wenn Arbeitsplätze rar sind, könnte auch einfach die Zeit der Geflüchteten genutzt werden, um sich in Gestaltung und Verwaltung der Unterkunft einzubringen. Viele Unterkünfte sind in desolatem Zustand, werden aber noch auf absehbare Zeit betrieben werden müssen – warum ermöglichen wir nicht den Geflüchteten, diese unter Anleitung von professionellen Handwerkerinnen und Handwerkern zu renovieren? Das ist günstiger als es durch Unternehmen tun zu lassen, verbindet Fremde und Einheimische in gemeinsamer Arbeit, und vermittelt den Geflüchteten das Gefühl, gewollt und gebraucht zu werden.

 Und wenn wir schon dabei sind: Warum formen wir keine internationalen Arbeitstruppen, die sich für einen Mindestlohn um die Verschönerung und Renovierung von Parks, Spielplätzen und öffentlichen Anlagen kümmern? Das würde sicherlich die Anerkennung der Geflüchteten in der Öffentlichkeit steigern – die Leute, die aus der Ferne gekommen sind, und hier nun Straßen und Plätze verschönern! Wenn Landkreise sich das durch Baufirmen nicht leisten können, aber Arbeitskraft eigentlich im Überfluss vorhanden ist – wäre das nicht eine elegante Lösung?

Letztlich ist es eine Frage der Haltung. Wir stehen selber vor der Wahl, ob wir in der Situation Sorgen oder Segen sehen wollen. Behandeln wir die Geflüchteten wie Probleme und Bittstellende, bis diese verbittert und apathisch sind, und verwalten dann die Folgen unseres Scheiterns? Oder nehmen wir sie an, heißen sie willkommen als normale Menschen, die unter Zwang, aber voll Hoffnung und Tatendrang nach Europa kommen?

Unsere Haltung ist hier entscheidend. Wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen machen wir unsere Annahmen wahr – so oder so.

Zum Weiterlesen: Erfahrungsberichte von Geflüchteten und Helfenden finden sich hier, hier, hier, hier und hier. Eine  Zusammenfassung über das Leben in Unterkünften mit weiterer Literatur ist hier verlinkt. Zahlen zu Asylverfahren gibt es weiter hier. Ein allgemeines Dossier über die Gründe und Nutzen von Migration befindet sich hier.

Das HIK bei Falling Walls 2018

Welche Mauern fallen als nächstes? Unter diesem Motto lädt die Falling Walls Konferenz jährlich am Tag des Berliner Mauerfalls ein. Mit dabei sind Wissenschaftler*innen aus aller Welt die in ihren Disziplinen Forschung betreiben und mit ihren Ergebnissen oder Perspektiven unsere Gesellschaft verändern. Dieses Jahr waren die drei aktuellen Kollegiat*innen des Hertie Innovationskollegs dabei. In diesem Artikel berichten sie über ihre Erfahrungen auf der Konferenz und was sie für ihre Projekte und sich lernen konnten.

Dr. Eva Dingel

Die Konferenz war wirklich ein sehr beeindruckendes Line-Up von Top-Wissenschaftler*innen, aus den Bereichen Technologie, Neuromedizin oder Wertstoffrecycling. Am meisten beeindruckt haben mich die verschiedenen Vorträge zur Erforschung des Gehirns, zum Beispiel die Vorstellung von “brain organoids”, bei deren Gewinnung Stammzellen dazu verwendet werden, gewisse Strukturen und Entwicklungsprozesse des Gehirns zu erneuern. In diesen relativ kleinen Zell-Clustern können dann Synapsen und Neuronen repliziert und die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns damit live erforscht werden. Ein Riesenfortschritt, wenn man bedenkt, dass es bisher unmöglich war, lebende menschliche Gehirnzellen zu bearbeiten – denn wer würde schon Gehirnmasse spenden! Das meiste, was die Medizin über das Gehirn weiss, stützt sich auf die Erforschung von Mäusegehirnen. Mit dieser neuen Methode können also hoffentlich in Zukunft wichtige neue Erkenntnisse für die Neuromedizin gewonnen werden.

Sehr positiv fand ich, dass die Konferenz durchweg für Wissenschaft und Technik begeistert – da würde man sich fast wünschen, dass Falling Walls für mehr Menschen und v.a. jungen Menschen zugänglich wäre, damit sich diese Begeisterung schon früh auf Nachwuchswissenschaftler*innen und Schüler*innen überträgt. Eines der im Rahmen von Falling Walls präsentierten Startup-Projekte macht genau dies über Video-Vorträge und Live-Chats mit Top-Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt – ein spannendes Projekt. Überhaupt waren viele der prämierten Start-Up Projekte bei Falling Walls interessant und innovativ.

Diese Begeisterungsfähigkeit der Vortragenden zeigte sich für mich am stärksten beim Vortrag von Nicola Spalding zu “Multiferroic Materials”, ein Thema, das ich auf Papier wahrscheinlich glatt überlesen würde, das aber durch ihren ehrlichen und mitreißenden Vortragsstil interessant wurde. Denn sie sagte ganz offen, dass sie zwar 30 Jahre an diesem Thema geforscht habe, aber nicht wisse, ob es wirklich den von ihr erhofften Durchbruch ermöglichen wird – in der Welt des Overhypes und Erfolgsdrucks schien mir das eine sehr ehrliche und gesunde Einstellung zur eigenen Forschung.

Interessanteste Unterhaltung: Ein weiteres tolles Format bei Falling Walls waren die Forums-Diskussionen, bei denen die Speaker im Anschluss an ihren Vortrag mit ein oder zwei weiteren Wissenschaftler*innen und Journalist*innen in kleinerem Rahmen diskutierten und das Publikum Fragen stellen konnte. So lernten wir in der Diskussion mit Onur Güntürkün, der an der Universität Bochum in der Biopsychologie forscht, dass Vögel in Teilbereichen leistungsfähigere Gehirne als Menschen haben und wir alle froh sein sollten, dass sie relativ klein sind. Gäbe es menschengroße Tauben, würden sie womöglich die Weltherrschaft übernehmen….

Marius Krüger

Die Falling Walls Conference war ein absolutes Spitzenevent – inhaltlich, organisatorisch und für mich persönlich! Zum 10. Mal haben sich im Berliner Radialsystem mehr als 20 führende Wissenschaftler*innen aus aller Welt getroffen, um ihre ‚scientific breakthroughs‘ in 15-minütigen TED-Talks zu präsentieren und die Fragen ‚Which are the next walls to fall? And how will that change our lives?‘ zu beantworten. Vom Müllvermeidungsökonom bis zur Errinnerungswissenschaftlerin, vom Blockchain-Pioneer zur Daten-Aktivistin, von Machine Learning bis zu Vogelgehirnen – inhaltlich hatte die diesjährige Konferenz einiges zu bieten. Besonders beeindruckend fand ich vor allem die fachfremden Vorträge. Dass in der Robotik der Faktor Mensch immer noch so entscheidend ist, Vogelgehirne eine 6x höhere Dichte neuronaler Systeme aufweisen als der Mensch und Machine-Learning nur Korrelationen nicht aber Kausalitäten erkennt, sind einige meiner Erkenntnisse, die ich aus dieser Konferenz mitnehmen konnte. Auch die Organisation und die Ausgestaltung des Ablaufs der Konferenz waren absolut weltklasse. Ausgestattet mit einem Kopfhörersystem konnte man nach den einzelnen ‚Lecture Sessions‘ im Foyer noch den vertiefenden ‚Forum Sessions‘ lauschen und dabei per Knopfdruck von Bühne zu Bühne springen. Bei leckerem – auch veganen – Essen, Kaffe & Kuchen konnte so auch vielen interessanten ‚Kaffeehausgesprächen‘ zugehört werden.

Neben diesen inhaltlichen und organisatorischen Annehmlichkeiten war die Konferenz aber auch wegen ihrer anderen Teilnehmer ein voller Erfolg. So konnte ich mit zahlreichen Akteuren der Bereiche Digitalisierung, Medien & Politik persönlich in Kontakt treten und DEMOCRACY das ein oder andere mal pitchen. Auf dem die Konferenz abschließenden Fest-Dinner am Pariser Platz habe ich sogar noch die Möglichkeit bekommen, mit Obi Felten von Google X zu sprechen. Obi ist ‚Head of getting moonshots ready for contact with the real world‘ bei dem Google-internen Start-Up ‚X’ und hat seine ganz eigene Philosophie, wie man herausfindet, ob ein Projekt erfolgreich sein kann: Die schwierigsten Schritte zuerst gehen, um möglichst schnell herauszufinden, was nicht funktioniert. Eine ziemlich kluge Herangehensweise, wie ich finde – Critical-Path-Method at its best. Mehr zu diesem Thema erklärt dieses Video

Interessanteste Unterhaltung: Ich habe viele interessante Gespräche mit vielen interessanten Persönlichkeiten auf der Falling Walls Conference geführt. Eins der entscheidenden war wohl aber eher unerwartet. Dem Forum von Brian Behlendorf, einem Blockchain-Pioneer aus San Francisco lauschend, ist mir aufgefallen, dass der Moderator dieser Runde der Redaktionsleiter des WIRED Magazins Deutschland ist. So bin ich nach dem Ende dieser Session nicht, wie von mir ursprünglich geplant, mit Brian Behlendorf ins Gespräch gekommen, sondern habe mich mit dem Moderator Wolfgang Kerler unterhalten und klar, dabei auch DEMOCRACY gepitcht. Interessanterweise arbeitet das WIRED-Magazin zur Zeit an einem Artikel zur ‚neuen Informationsarchitektur moderner Demokratien‘, wo für DEMOCRACY jetzt eine Berücksichtigung in Aussicht steht. Damit hat sich für mich mal wieder die Formel ‚It’s the little details that are vital. Little things make big things happen.‘ bestätigt.

Johannes Müller

Die Falling Walls Konferenz ist eine einzigartige Konferenz. Ein bisschen so wie die TED-Konferenzen, aber ausschließlich mit herausragenden Wissenschaftler*innen. Hier in Berlin verbringe ich viel Zeit in einer Blase mit Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen und so war es hervorragend viele Leute aus den Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften zu treffen und sich zu den neuesten Entwicklungen in diesen Bereichen auszutauschen. Von Chemie, Astrologie, bis hin zu Materialwissenschaften – es gibt aufregende neue Entwicklungen, die unser Leben nachhaltig verändern werden und unsere Lebensqualität erhöhen werden. Was aber auch wieder bestätigt wurde: Keine dieser Wissenschaften können in einem Vakuum ohne die anderen Wissenschaften existieren. Bei den großen Herausforderungen unserer Zeit (Klimawandel, Digitalisierung, etc.) sind deshalb insbesondere auch Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen gefragt diese mitzugestalten.

Interessanteste Unterhaltung: Stefania Milan forscht an der Universität Amsterdam zum Zusammenspiel von Technologien und Gesellschaft. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit beschäftigt sich mit der Frage wem unsere Daten gehören und wie diese für das Wohl der Gemeinschaft genutzt werden können. Das ist natürlich genau mein Thema: Data for Good. Ich hatte die Chance nach ihrem Talk über die Frage zu sprechen, wie mehr Grassroots-Bewegungen in diesem Bereich gefördert werden können. Um ein Gegengewicht zu den großen Plattformen aufzubauen braucht es nämlich vor allem die Zivilgesellschaft und neue Modelle wie wir Datenanalyse so nutzen können. Es war großartig Stefania auf der Konferenz kennenzulernen und sie hat direkt angeboten uns dabei zu helfen CorrelAid in den Niederlanden zu etablieren.

 

Zuhören, annehmen, verstehen – Junge, neue Wege für eine deutsch-russische Verständigung

„Russland war, ist und wird die größte europäische Nation bleiben. Die von der europäischen Kultur leidvoll erkämpften Ideale der Freiheit, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Demokratie waren viele Jahrhunderte für unsere Gesellschaft maßgebende Wertorientierungen“.

Dieser Satz des russischen Präsidenten aus dem Jahr 2005 ist wie Balsam für die Seele der Europäer, egal, ob in West- oder Osteuropa. In den letzten Jahren werden in Russland jedoch Stimmen lauter, die meinen, dass das Land eigene Werte besitze. Währenddessen definiert sich die europäische Gemeinschaft über einen gemeinsamen Wertekanon.

Die Entfremdung zwischen Russland und Westeuropa wächst, Unverständnis und Misstrauen füreinander werden immer größer, vor allem, wenn von Werten die Rede ist. Die Situation wird dadurch erschwert, dass beide Seiten Unterschiedliches unter Begriffen wie Demokratie oder Menschenrechte verstehen. Es wird immer schwieriger, bei Gesprächen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es entwickeln sich parallele Narrative, Monologe statt Dialoge, da beide immer weniger die Hoffnung haben, vom anderen wirklich verstanden zu werden. Man redet übereinander, statt miteinander.    

Die Politik ist in einer Sackgasse gelandet. „Europa durchlebt die schwerste Krise seit dem Ende des Ost-West-Konflikts“, sagte Egon Bahr in seiner letzten Rede in Moskau im Sommer 2015. Umso wichtiger ist es heute, über politische Ansätze und Wege aus dieser Krise zu finden, auch auf lange Sicht, mit dem Ziel einer Verständigung der Jugend. Denn der aktuelle Konfrontationsdiskurs betrifft auch diejenigen jungen Menschen, welche die Politik der Zukunft bestimmen werden. Die Konflikte sind auch in deutsch-russischen Jugendvereinen vorhanden, während Lösungsansätze fehlen. Dieser eingeschlagene Weg muss dringend korrigiert werden. In unserer schwierigen Zeit der gegenseitigen Entfremdung werden Jugendbegegnungen, die Brücken für Morgen sind, mehr gebraucht denn je, jedoch mit einem anderen Ansatz, als bisher. Wir müssen lernen, uns zunächst miteinander zu verständigen, statt gleich einander überzeugen zu wollen.

Oft gehen wir mit dem Ansatz ins Gespräch, den anderen überzeugen zu wollen. Wir möchten die eigene, vermeintlich bessere Ansicht durchsetzen und versuchen unser Gegenüber zur eigenen Weltanschauung zu konvertieren. Dadurch kann beim Gegenüberstehenden der Eindruck erzeugt werden, wir wollten ihn belehren. Dem sogenannten „Westen“ werfen die Russen deshalb oft Arroganz und Überheblichkeit vor. Diese Vorwürfe betreffen insbesondere Diskussionen über Werte, bei denen viele Wörter zu Worthülsen geworden sind. Es ist an der Zeit, sie wieder gemeinsam mit Inhalt zu füllen.

Entscheidend ist dabei, bewusst und verantwortungsvoll mit Sprache umzugehen. Wir jonglieren oft mit abstrakten und komplexen Begriffen, ohne genau zu klären, was wir damit eigentlich meinen. Das führt manchmal zu Überraschungen, dass gleiche Wörter wie Demokratie, Zivilgesellschaft oder Toleranz von beiden Seiten unterschiedlich ausgelegt werden. „Die Deutschen und Russen sind im Wortgefängnis gefangen“, schrieb vor kurzem DIE ZEIT und benannte diese Entwicklung als eines der größten Probleme zwischen beiden Ländern.

Auf beiden Seiten herrscht große Enttäuschung: „Ihr seid doch gar nicht so wie wir.“ Es ist höchste Zeit, diese Andersartigkeit voneinander zuerst einfach zuzulassen und dann genauer zu schauen, worin die Differenzen eigentlich bestehen. Die vermeintlichen Unterschiede müssen konkret benannt und dadurch dekodiert werden, da Unterschiede auch ein Annäherungspotential für die Suche nach Gemeinsamen in sich tragen können. Gleichzeitig kann der Dekodierungsprozess zu dem überraschenden Ergebnis führen, dass man doch gar nicht so verschieden ist, wie man gedacht hat.

Auf dem mühsamen Weg der Verständigung brauchen vor allem junge Leute Unterstützung. Wir müssen ihnen daher dringend geeignete Rahmenbedingungen und Instrumente für diesen Austausch anbieten. Ermutigende Praxisbeispiele sind etwa das Europäische Jugendparlament und das Projekt demoSlam.

Seit 2004 ist die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa Dachorganisation des Europäischen Jugendparlaments oder European Youth Parliament (EYP) – ein Jugendnetzwerk in 40 Europäischen Ländern und mit jährlich 30.000 Teilnehmenden in 500 Veranstaltungen. In bunt gemischten internationalen Teams erarbeiten junge Menschen in mehrtägigen Sitzungen konsensbasierte Lösungsvorschläge zu europäische Fragestellungen. Im Rahmen dieser informellen politischen Bildungsplattform erlernen und erleben sie den friedlichen internationalen Dialog auf Augenhöhe. Die Veranstaltungen selbst werden ebenfalls von jungen Freiwilligen des Netzwerkes organisiert, die im gemeinsamen Projektmanagement als internationale Teams – und über die Grenzen zwischen Ost und West, Nord und Süd hinweg – eng zusammenwachsen und deren Freundschaften oft über Jahre erhalten bleiben.

Um über ernste Themen einmal anderes zu reden – vielleicht nicht so verbissen wie gewohnt, wurde das Format demoSlam ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei um ein alternatives Dialogformat für die Verständigung über kontroverse und konfliktgeladene Themen. Bei einem demoSlam arbeiten die Teilnehmer in deutsch-russischen Paaren ihr Verständnis von komplexen Begriffen wie Patriotismus oder Toleranz aus und stellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Wertevorstellungen in kurzen gemeinsamen Präsentationen dar, alltagsnah, persönlich und unterhaltsam.

Es geht in erster Linie um eigene Meinungen und Wahrnehmungen der Teilnehmer. Sie sollten nicht im Namen des deutschen oder russischen Volks, sondern nur für sich selbst sprechen. Das ist für junge Menschen überraschenderweise oft schwieriger, als sich hinter Allgemeinplätzen oder Expertenmeinungen zu verstecken. Aber genau dadurch werden diese abstrakten Begriffe mit Leben gefüllt, genauer mit dem Leben der Jugendlichen, mit ihren eigenen Erfahrungen, Beobachtungen, selbsterlebten Gesprächen oder Konflikten.

Da es um einen persönlichen Austausch geht, sind auch die Emotionen und Gefühle, die man sonst versucht zu ignorieren, willkommen. So kann man Dampf ablassen (denn die Emotionen und negative Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass man sie ausblendet, sie werden sich trotzdem früher oder später zeigen) und sie kanalisieren. Schließlich darf Humor nicht fehlen, da sich mit ihm einiges entschärfen lässt. Wie der Humor die Grenzen des Akzeptablen verschieben kann, ist schon seit der mittelalterlichen Karnevalskultur bekannt. Deswegen ist beim demoSlam auch etwas mehr erlaubt, als bei klassischen Formaten des Austausches wie einer Konferenz, oder einem runden Tisch. Kritik, die als Witz oder Anekdote formuliert ist, wird eher angehört, angenommen, oder sogar mit einem Lachen aufgenommen und nicht als ernste Kritik oder Vorwurf aufgenommen.  

Das alles hilft, Gespräche anderes zu gestalten. Die Einstellung: „Ich will Dich nicht zwangskonvertieren, sondern ich möchte Dir nur näherbringen, was ich eigentlich meine“, entspricht einem richtigen Dialog auf Augenhöhe. Dies gibt Spielraum für beide Seiten und öffnet Wege für Veränderungen. Denn unsere Ansichten, Wahrnehmungen und Werte sind nicht auf immer und ewig konstant. Sie verändern sich ständig. Die gemeinsame Reflektion auch über die Unterschiede, ihre Dekodierung und Suche nach einem gemeinsamen Nenner führen dazu, dass die demoSlam-Teilnehmer aus der Begegnung ein bisschen anderes herauskommen, als sie hineingegangen sind.

Wir müssen heute neu lernen, uns zu verständigen, Rahmen und Form, die angemessene „Verpackung“, finden, um eigene Ansichten näher zu bringen, sie so zu formulieren, dass der Andere das akzeptieren und nachvollziehen kann. Dies soll aber längst noch nicht heißen, dass diese übernommen werden müssen. Denn Verstehen ist nicht gleich einverstanden sein

Gerade heute brauchen wir möglichst viele solche Jugendbegegnungen und Gesprächsforen wie das Europäische Jugendparlament oder demoSlam, wo man den Dialog auf Augenhöhe führen kann: respektvoll, offen und mit der Bereitschaft, andere Meinungen zu zulassen. Der Ansatz, den anderen nicht sofort überzeugen zu wollen, sondern sich erst zu verständigen, hilft uns, uns richtig kennenzulernen, zu erfahren, wer wir eigentlich sind und mit wem wir es zu tun haben. Wäre vielleicht das ein Weg aus der Sackgasse?    

Dr. Evgeniya Sayko       
Kulturwissenschaftlerin und Gründerin des Formates demoSlam

André Schmitz-Schwarzkopf     
Vorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa

 

 Dieser Artikel wurde in Adelheid Bahr’s Buch „Warum wir Freundschaft mit Russland brauchen. Ein Aufruf an alle von Matthias Platzeck, Peter Gauweiler, Antje Vollmer, Oskar Lafontaine, Gabriele Krone-Schmalz, Peter Brandt, Daniela Dahn und vielen anderen“ veröffentlicht. 

Warum Migration bei uns ein Problem ist – und eigentlich überhaupt nicht sein müsste Teil I

Dieser Artikel wurde verfasst von Stefan Mekiffer, Ökonom, Kulturwissenschaftler, Philosoph und Autor. Im Rahmen des Hertie Innovationskollegs betrieb er das Projekt Refugee Open Citites, in dem er gemeinsam mit Geflüchteten in Unterkünften Gemeinschaftsräume gestaltete. Er lebt in Berlin und Waldeck.

Seit 2015 sind über eine Million Menschen nach Deutschland geflüchtet. Seitdem werden die Debatten, wie die Politik darauf zu reagieren hat, zunehmend dominiert von Begriffen wie „Integrationswille“, „Obergrenze“ und „Abschiebung“. Die Botschaft dahinter: Migration ist ein Problem – ein Problem, das wir irgendwie bewältigen, dessen wir Herr werden müssen. Unterkünfte müssen organisiert, Asylanträge bearbeitet, Arbeitskräfte geschult, Arbeitsplätze geschaffen, Menschen integriert werden – was für ein Aufwand! Darauf sagen die einen: Wir schaffen das! Und die anderen sagen: Warum tun wir uns das eigentlich an?

Diese Annahme bestimmt gegenwärtig den Diskurs um Migration in Deutschland. Aber damit führen wir eigentlich die falsche Diskussion, denn diese Annahme ist verkehrt. Wir gehen davon aus, dass die Geflüchteten vor allem ein Problem sind – tatsächlich sind sie aber eine historische Chance. Es ist unser falscher Ansatz der Problemlösung, der aus dieser Chance überhaupt ein Problem macht. Und deswegen verpassen wir es auch, gemeinsam mit den Neuankömmlingen eine positive Vision zu finden und diese anzugehen.

Wie aber könnte diese aussehen? Was wäre die geeignete Politik, wenn Geflüchtete nicht als Problem, sondern als Potential betrachtet würden?

Diese beiden Blogbeiträge sollen der Problem-Annahme eine andere gegenüberstellen. Teil I zeigt, dass Migration keine Gefahr, sondern eine Möglichkeit darstellt – weil Migrantinnen und Migranten Erfahrungen, Talente, Fertigkeiten und Motivationen mitbringen, die ihrer alten und neuen Heimat nützen können. Und Teil II wirft einen Blick auf die gegenwärtigen Strukturen, die Geflüchtete vorfinden und die das negative Bild der Geflüchteten produzieren – und skizziert, wie sie eigentlich aussehen könnten und vernünftigerweise aussehen sollten.

 

Teil I: Historisch und ökonomisch betrachtet ist Migration fast immer ein Gewinn für das Zielland.

Eigentlich machen das schon basale Vergleiche deutlich – wir Menschen lernen und wachsen schließlich nicht in Abschottung, sondern im Dialog und im Austausch miteinander. Wie kann sich eine Gesellschaft schneller entwickeln und an Wissen gewinnen als im Dialog und im Austausch mit anderen Gesellschaften? Auch in der Biologie findet Evolution nicht zuletzt durch Austausch von DNA über Grenzen von Arten und Spezies hinweg statt. Warum sollte das bei Menschen anders sein?

Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt die vielen Beispiele, in denen Migration als Katalysator für Gesellschaften gedient hat. Das hohe intellektuelle Niveau des Griechischen, Römischen und des Osmanischen Reiches lassen sich beispielsweise nicht zuletzt durch den regen Gelehrtenaustausch erklären, den der interne Migrationsverkehr dieser Weltreiche ermöglichte. Doch das betraf nicht nur Gelehrte: Gerade im alten Rom mit seinem langen Militärdienst ließen sich viele Legionäre, die jahrelang in einem Gebiet fern ihrer Heimat stationiert waren, dort nieder und gründeten Familien. So gesehen ist Migration das Kernstück, der die verschiedenen Regionen zu einem Reich machte.

Aber auch Vertriebene haben immer wieder maßgeblich zur Entwicklung ihrer neuen Heimat beigetragen. Die Hugenottinnen und Hugenotten, aus Frankreich vertriebene Protestantinnen und Protestanten, lieferten beispielsweise im 17. Jahrhundert wichtige Impulse für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands indem sie die Seiden- und Tabakproduktion einführten. Das Beispiel zeigt auch die hohe Fähigkeit von Gesellschaften, Vertriebene aufzunehmen – wenn denn das Interesse da ist: So hat Frankfurt am Main, damals noch ein Städtchen mit dreißigtausend Menschen, im Jahre 1685 über hunderttausend Hilfesuchende aufgenommen und versorgt.

Das heute offensichtlichste Beispiel für den kulturellen Gewinn von Migration sind (noch) die USA, die nicht zuletzt durch ihre Vielfalt, Toleranz und Diversität im 20. Jahrhundert die in verschiedenen Bereichen führenden Köpfe angezogen oder hervorgebracht haben. Unter denen, die einen Nobelpreis tragen, sind Migrantinnen und Migranten dreimal häufiger vertreten als ihrem statistischen Anteil in der Bevölkerung entspräche. Dasselbe gilt für Mitglieder der National Academy of Science und für Preistragende des Academy Awards. Aber auch Deutschland ist seit 1955 ein Einwanderungsland gewesen, dessen Wirtschaftswunder wohl nicht zuletzt durch das Anwerben zahlreicher Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen ermöglicht wurde.

Oft ist es gerade der interkulturelle Austausch, der Einsichten und Produktivität erzeugt. Ohne den Einfluss vieler anderer wichtiger Faktoren herunterspielen zu wollen, und auch wenn dieser Satz eine Übertreibung darstellt, ist er im Kern richtig: Überall dort, wo Grenzen fallen oder Menschen sie überqueren, florieren Wissen und Wirtschaft.

Diese Beobachtungen lassen sich auch in bare Münze umwandeln: Die Weltbank berechnet, dass Migrantinnen und Migranten nicht kurz-, aber mittel- und langfristig mehr zum Staatshaushalt beitragen als sie nehmen; sie zahlen mittelfristig mehr Abgaben als ihre Aufnahme, Ausbildung und Integration gekostet haben. Die Autorinnen und Autoren der Studie prognostizieren sogar, dass, wenn man alle Grenzen öffnen und sich alle Menschen frei bewegen lassen würde, die globale Wirtschaft innerhalb von 25 Jahren um 39 Billionen Dollar (das ist die Zahl mit den 12 Nullen) allein davon wachsen würde.

Zwar ist der Einwand berechtigt, dass Migration oft kein Austausch, sondern eine einseitige Bewegung ist, und daher oft die führenden Köpfe eben die Länder verlassen, von denen sie am am dringendsten gebraucht werden – aber gern wird bei diesem Einwand vergessen, dass oft auch die ehemalige Heimat zumindest finanziell von Migrantinnen und Migranten profitiert. Diese senden nämlich häufig Geld an ihre hinterbliebenen Angehörigen, deutlich mehr als landläufig angenommen: 442 Milliarden Dollar wurden 2016 in Entwicklungsländer als Unterstützung an die Hinterbliebenen rücküberwiesen (so wieder die Weltbank). Zum Vergleich: Die weltweite Entwicklungshilfe betrug im selben Zeitraum nur ein Drittel dieses Betrags, nämlich 131 Milliarden Dollar. Zudem kann man annehmen, dass das Geld von der jeweiligen Familie oft effektiver genutzt wird als staatliche Entwicklungsprogramme, die durch lange Verwaltungsstrukturen laufen.

Ebenfalls ist der Einwand berechtigt, dass nicht alle Migrantinnen und Migranten gut ausgebildete Fachkräfte sind (obwohl gerade unter den syrischen Geflüchteten, die zuletzt vermehrt in Deutschland angekommen sind, viele hochqualifizierte Ärztinnen, Ingenieure und Handwerkerinnen sind, die von bürokratischen Hürden daran gehindert werden, in den eigentlich fachkräftehungrigen Arbeitsmarkt eingebunden zu werden). Aber ungebildete Menschen können ausgebildet werden, was in jedem Fall einen positiven Effekt hat; egal ob die Menschen bleiben und hier zum Wohlstand beitragen oder ob sie die neuerworbenen Fertigkeiten irgendwann wieder in ihre Ursprungsländer zurücktragen. Konkurrenz machen sie damit fast niemandem – empirische Studien zeigen, dass Immigration auch von ungelernten Arbeitskräften keine negativen Auswirkungen auf die hiesigen Gehälter hat. (Einzige Ausnahme sind bereits erwerbstätige ehemalige Migrantinnen und Migranten, die durch vermehrte Immigration unter Konkurrenzdruck gesetzt werden, weil sie in denselben Sektoren arbeiten – aber diese sind meistens solidarisch mit ihren Schicksalsgenossinnen und Mitleidenden.)

Ökonomisch gesehen spricht wirklich wenig gegen Migration. Das merkt man eigentlich schon an den oft unsachlichen Plädoyers für abgeschottete Grenzen. „Die Migranten nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg“ wird direkt skandiert neben „Die wollen doch nur in unser Sozialsystem einwandern.“ Mal abgesehen davon, dass es schon eine abenteuerliche Vorstellung ist, dass Menschen ihr Leben hinter sich lassen, Monate in Bahnwagons leben und hunderte Euro in einen Sitzplatz für eine lebensgefährliche Mittelmeerüberfahrt auf einem überfüllten Kutter investieren, nur mit der Absicht, dann in Deutschland einen kläglichen Hartz IV-Satz von 416 Euro zu beziehen – ist es nicht ein Widerspruch in sich, dass den Geflüchteten sowohl zu viel Fleiß als zu viel Faulheit unterstellt wird? Nehmen uns die Geflüchteten nun die Arbeitsplätze weg, oder wollen die nun alle von Sozialhilfe leben? Hier verwickeln sich viele Gegnerinnen und Gegner der Migration in widersprüchliche Argumentationen.

Aber: Ob Migration eine Erfolgsstory ist oder nicht, lässt sich nicht alleine mit Zahlen und Geldern messen. Niemand flieht ohne Grund, fast alle Menschen bringen daher Hoffnungen, Wünsche und Ambitionen mit. Ob alle von der Migration profitieren hängt weniger von denen ab, die kommen, als von denen, die schon da sind. Werden die Geflüchteten willkommen geheißen? Werden ihnen Chancen gegeben? Wird ihnen ermöglicht sich einzusetzen; zahlt sich ihr Einsatz aus? Das ist eine Frage der Willkommenskultur und der kulturellen Selbstbezogenheit eines Landes; aber es ist auch eine Frage der formellen und praktischen Politik. Warum es hier hapert und wie diese Politik besser gestaltet werden könnte – davon handelt der nächste Beitrag.

Zum Weiterlesen:
Ian Goldin, Geoffrey Cameron & Meera Balarajan, 2012: Exceptional People. How Migration Shaped Our World and Will Define Our Future. Princeton University Press.
Philippe Legrain, 2014, Immigrants: Your Country Needs Them. Princeton University Press.
Philipp Ther, 2017, Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Suhrkamp.

Teil II: Der bessere Masterplan von der Reihe Warum Migrationbei uns ein Problem ist – und eigentlich überhaupt nicht sein müsste wird am Montag, 26. November 2018, veröffentlicht.

Unsere Abschlussveranstaltung in Bildern

„Hacks für den gesellschaftlichen Wandel“ – Unter diesem Motto fand am 18. Oktober 2018 die Abschlussveranstaltung des dritten HIK-Jahrgangs statt. Vielen Dank an unsere Kollegiaten Stefan Mekiffer, Dr. Emilia Roig, Marieke Schöning und Silvia Hennig. Innerhalb ihres Jahres am HIK gestalteten sie Lösungsansätze zu Herausforderungen aus den Bereichen Migration, strukturelle Diskriminierung und ländliche Entwicklung.