Hertie Innovationskolleg

Von Fischen, Anglern und Integration: Wie Arbeitgeber zu Engagement motivieren können

„Der Köder muss schließlich dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Irgendwann zwischen Post-it-Kleben und Ideen-Design stand diese Weisheit im Raum. In Berlin und Frankfurt hatten meine Mit-Kollegiatin Anne-Maria Kortas und ich in den letzten beiden Wochen je ein Werkstatt-Treffen mit Vertreter*innen aus Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen sowie Ehrenamtlichen organisiert. Mein Ziel war es herauszufinden, welche Erfahrungen die verschiedenen Akteure mit Corporate Volunteering im Integrationsbereich gemacht hatten und welche Bedarfe sie sahen. Anne-Maries Ziel war es, Methoden der Bedarfsanalyse an neuen Fragestellungen und in heterogenen Gruppen zu erproben.

Und jetzt Angler und Fische?

In der Tat hatte ich in den letzten Monaten zeitweise das Gefühl gehabt mit meinem Projekt ‚Corporate Volunteering for Intercultural Encounters‘ „im Dunkeln zu fischen“. In den verschiedenen, nicht selten widersprüchlichen Erwartungen, die an das Konzept gestellt werden, kann man leicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass Corporate Volunteering immer nur ein Weg zum Ziel, nicht das Ziel selbst ist – eine wichtige Leitlinie, die in den Werkstatt-Treffen betont wurde. Klarheit und Transparenz der Interessen und Wirkung, die die Beteiligten erreichen möchte, bedingen den Erfolg ganz besonders in sektorenübergreifenden Kooperationen und so kam das Thema Wirkungsmessung immer wieder zur Sprache.

Klarheit beginnt bei der Definition, was Corporate Volunteering überhaupt ist. In meinem Projekt meint es: Arbeitgeber fördern, dass ihre Mitarbeiter*innen sich zivilgesellschaftlich engagieren. Der Arbeitgeber quasi als Wegbereiter für gesellschaftliches Engagement. Die Ausgangsfrage meines Projekts lautet, inwiefern Arbeitgeber und gemeinnützige Organisationen durch Kooperationen in der Lage sind, mehr Bürger*innen aktiv in den Integrationsprozess von nach Deutschland geflüchteten Menschen einzubeziehen. Denn eine aktive Demokratie und das Aushandeln von politischen Debatten leben jeden Tag im Engagement von Menschen für ihre Gesellschaft.

Was für Engagement häufig fehlt ist Zeit. Viele Menschen haben das Gefühl, zwischen den Anforderungen im Job, in der Familie und bei Freizeitaktivitäten kaum zum Durchatmen zu kommen. Doch Zeit ist es, die gesellschaftlicher Zusammenhalt braucht, um gedeihen zu können. Zeit, um sich kennenzulernen, Zeit, um sich zu verstehen. Wenn unsere schnelllebige Arbeitswelt nun aber immer mehr von unserer Zeit einfordert, wie vereinbaren wir Arbeit und Gesellschaft?

Indem wir uns zusammentun und Menschen in ihrem beruflichen Umfeld Impulse für gesellschaftliches Engagement anbieten. Die Teilnehmer*innen der Werkstatt-Treffen waren sich einig: Engagement im Bereich Integration muss langfristig und nachhaltig sein. Hier dürfen vor allem die gemeinnützigen Organisationen nicht ihre Wirkungsziele aus den Augen verlieren und sollten selbstbewusst auch mal Nein sagen, wenn eine Corporate Volunteering-Anfrage ihre Kapazitäten übersteigt oder zusätzlicher Aufwand nicht angemessen kompensiert wird. Niederschwelligen Aktionen zum Engagement-Schnuppern können aber ebenfalls ihre Berechtigung haben, wenn sie als Engagement-Zünder wirken und weiterführende Engagement-Möglichkeiten aufzeigen.

Engagierte Mitarbeiter*innen sind wertvoll: Menschen, die gelernt haben, die Perspektive zu wechseln, sich auf Unbekanntes einlassen können und Ambiguität aushalten, reflektieren auch ihre beruflichen Rollen intensiver und zeigen Empathie und Resilienz in Interaktionen. Engagement im Integrationsbereich fördert darüber hinaus in ganz besonderer Weise interkulturelle Kompetenz. Gute Gründe, den Mitarbeiter*innen attraktive Angebote zu machen. Die Werkstatt-Treffen haben hierfür folgende Erfolgsfaktoren identifiziert:

  • Klare Strukturen, die wechselseitige Lernerfahrungen erleichtern
  • Spaß und Erfolgserlebnisse
  • Glaubwürdigkeit des Engagements, abseits von Öffentlichkeitswirksamkeit
  • Nachhaltige Wirkung
  • Aktive Einbeziehung von Mitarbeiter*innen, Zielgruppen und Netzwerken bei der Konzeption, um auf bestehenden Interessen und Aktivitäten aufzubauen

So wirken engagierte Mitarbeiter*innen als Multiplikator*innen, genau wie intrinsisch motivierte Ansprechpartner*innen innerhalb aller beteiligten Organisationen und Unternehmen. Diese Menschen sind Schlüsselfiguren auf einem gemeinsamen Weg zu einem besseren Wir.

An einem besseren Wir arbeitet das deutschlandweite Netzwerk von Über den Tellerrand schon seit 2013. Unsere Erfahrung ist, dass positive ‚Begegnungen auf Augenhöhe‘ zwischen geflüchteten und beheimateten Menschen zu selten zufällig passieren. Neben Zeit brauchen sie auch Raum. Raum, an dem sich alle Beteiligten willkommen und wohl fühlen und an dem Fragen von Status und persönlicher Lebenswelt zumindest zeitweilig in den Hintergrund rücken. Es wird also im weiteren Verlauf meines Kollegjahres darum gehen, Raum und Zeit zusammenzubringen. Und zwar so, dass es allen schmeckt.

(Marieke Schöning)

Recht und Demokratie im Zeitalter der künstlichen Intelligenz: Der Beitrag der Europäischen Union

Paul Nemitz, Chefberater der Generaldirektorin für Justiz und Verbraucher der Europäischen Kommission, zuvor Direktor in der EU-Grundrechte-Agentur, erörtere am 23. Januar 2017 auf Einladung der Schwarzkopf-Stiftung und des Hertie-Innovationskollegs den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf den öffentlichen Meinungsbildungsprozess.

Er begann seinen Vortrag mit einem Kurzabriss zur Demokratie in Europa. Hierbei war ihm wichtig, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass die Geschichte der EU eine Geschichte der Entdemokratisierung und nicht der Demokratisierung sei. Zugleich betonte er, dass er in der öffentlichen Kritik an der EU vermisse, dass die EU auf Rechtstaatlichkeit beruhe und ihre Beziehungen zu anderen Staaten auf das Recht und nicht – wie weltpolitisch immer noch vorherrschend – auf Ausübung von Macht stütze. Die aktuell zu erlebende Diskreditierung der Integration der EU durch die Verfassungsänderungen in Polen und Ungarn fuße aus seiner Sicht auf dem Mangel an Integration, wie er sich im Einstimmigkeitserfordernis des Art. 7-EUV – Verfahrens äußere, nicht auf einem Überfluss derselben.

Nemitz fuhr dann mit einigen Schlaglichtern auf das Feld der künstlichen Intelligenz und ihre aktuellen Entwicklungen fort. Das Neue an der künstlichen Intelligenz, die diese von der bekannten Automatisierung durch Roboter unterscheide, liege darin, dass die KI-Maschine autonom sei. Sie habe die Fähigkeit zu selbstlernender Weiterentwicklung. Deshalb würden sich nun Grundfragen der Verantwortlichkeit stellen, die aktuell vor allem in Bezug auf selbstfahrende Autos diskutiert werden. Man müsse bei Künstlicher Intelligenz (KI) die (bekannten) Arten der speziellen KI (kann eine Sache besonders gut) und der generellen KI (kann alle Sachen so gut wie der beste Mensch) unterscheiden . Der generellen KI sei ein Risiko inhärent, das der schwedische Philosoph Nick Bostrom in einem Satz zusammengefasst hatte: „KI wird unsere letzte Erfindung sein“. Was das politische Agieren schwierig mache, sei die Tatsache, dass niemand wisse, wie weit wir von dem Erreichen der generellen KI entfernt seien. Denn ein Großteil der Forschung finde hinter den verschlossenen Türen der fünf amerikanischen Digitalriesen (Apple, Google, Facebook, Amazon, Microsoft) und chinesischen Firmen (wie Ali Baba, Baidoo, 10cent etc.) statt. Evgeny Morozov, Publizist im Bereich der Digitalisierung und Kenner der Szene, schätze, dass in jedem der Unternehmen 2.000–3.000 Ingenieure mit Budgets von bis zu 12 Milliarden USD arbeiteten. Selbst die jeweiligen ehemaligen Doktorväter, Professoren an renommierten US-Unis, wüssten über das aktuelle Treiben ihrer Schüler nicht gut Bescheid. Viele der Professoren rechneten damit, dass die Entwicklung noch bis zu 40 Jahre dauern werde. Nemitz berichtete jedoch auch von Schätzungen, die ihn bei seinem jüngsten Besuch am MIT mitgeteilt wurden, wonach in spätestens fünf bis zehn Jahren KIs in der Lage sein werden, alle Spiele zu gewinnen. Dabei dürfe man nicht an Schach denken – „Spiele“ seien für die Informatiker vielmehr alle komplexen, regelbasierten, aber auch Unsicherheiten enthaltenden Aufgabenstellungen – und die beliebtesten davon seien der Aktienmarkt sowie Wahlen.

Mit dem Zusammenhang zwischen KI und Demokratie in der sog. automated public sphere kam Nemitz zu seinem Kernanliegen, dem Schutz der Demokratie vor KI. „Automated public sphere“ entstehe durch die von KI gesteuerten Medien, die zur Grundlage der Demokratie gemacht werden. Eines der populärsten Beispiele hierfür war die von dem Unternehmen Cambridge Analytics behauptete Erfolgskampagne für Trump, die anhand der Auswertung von Daten aus sozialen Netzwerken u.a. besonders im eigentlich pro-demokratischen „rust belt“ durch wahlkreisgenaue Beeinflussung den Sieg Trumps erreicht habe. Ähnliches sei auch von der Kampagne von Mitt Romney bekannt, in der eine App benutzt wurde, um in bestimmten Gebieten die Menschen anhand von Hochrechnungen am Wahltag zum Wählen zu animieren – ein höchst erfolgreiches Unterfangen, das letztlich lediglich an einem Absturz der App scheiterte. Im letzten US-Wahlkampf wurden über 1 Milliarde USD allein für diese Wähler-Profilbildung ausgegeben. Hieran sei die hohe Relevanz der Digitalisierung für die Wahlen erkennbar. Eine derartige Beeinflussung, so die kategorische und nachdrückliche Aussage Nemitz‘, wäre in Deutschland bzw. der EU allerdings nicht möglich. Denn die von den Kampagnenhelfern genutzten Daten fielen seit langem unter einen besonders strengen Datenschutz, der in der DS-GVO jetzt noch ausgebaut wurde. Der Hintergrund für dieses hohe Schutzniveau liege schlicht darin, dass Datenschutz in Europa zum Grundrechtekatalog gehöre, während es in den USA der politischen Opportunität ausgesetzt sei. Obama sei zweimal damit am Kongress gescheitert, ein entsprechendes Datenschutzrecht einzuführen. Die Neuerungen der Datenschutz-GVO, nämlich die Sanktionierung von Verstößen mit Zahlungen von 4% des Weltumsatzes sowie die Einführung/Vertiefung eines allgemeinen Auskunfts- und Löschungsrecht für jedermann gegenüber allen „Datensammlern“, zeitige bereits im Vorfeld Wirkung und werde deshalb den beschriebenen jetzigen Zustand, dass eine interessenbasierte Wählerbeeinflussung wie in den USA ausgeschlossen bleibe, absichern. Datenschutz sei aus Sicht von Nemitz, dessen beruflicher Schwerpunkt zuletzt auch im Datenschutzrecht lag,  insofern nicht nur ein Individualgrundrecht, sondern gleichsam konstitutiv für die Demokratie. Es müsse verhindert werden, dass derjenige die Wahlen gewinne, der lediglich das bessere (technische) Programm bzw. Datensätze habe, mit dem er bzw. aufgrund derer er dann Wähler ausgehend von ihren Vorlieben und Interessen jeweils anders beeinflussen könne. Das zentrale Problem der KI liege darin, dass es dann an einer gemeinsamen Gesprächsgrundlage für einen öffentlichen Diskurs fehle. Es gehe deshalb nicht nur um die Transparenz in der Entwicklung von KI, sondern auch um Transparenz in der Anwendung von KI. Es sei notwendig, zu wissen, was die Parteien den Bürgern im Vorfeld von Wahlen sagen. Jeder Bürger erfahre potentiell etwas anderes; man wisse nicht mehr, auf welchem Wege und mit welchen Inhalten der Nachbar überzeugt wurde, zu wählen. In Amerika werde deshalb z.Z. überlegt, alle digitalen Aussendungen von Parteien im Wahlkampf in ein Register aufzunehmen.

Nemitz betrachtete anschließend die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Presse, verstanden als vierte Gewalt in der Demokratie. Die Presse habe die Aufgabe, staatliche oder wirtschaftliche Macht zu kontrollieren. Die Presse befinde sich zum einen in einer ökonomischen Krise, denn 80% der relevanten Werbeeinnahmen, die früher vor allem an die gedruckte Presse gingen, gehen nun an Facebook und Google. Die Presse sei zum anderen aber auch einem Bedeutungsuntergang gegenüber dem Internet (v.a. Facebook und Google) ausgesetzt, wie die jährliche Rangliste des Grimme-Instituts über quellenpolitischen Information zeige. In der Gruppe der unter 30-Jährigen lägen Facebook und Google als Informationsquellen auf den ersten drei Plätzen. Nemitz zufolge sei das Internet jedoch – zumindest in den Ländern der westlichen Welt mit entwickelter Presse – nicht in der Lage, die Presse als Vierte Gewalt zu ersetzen. Das Internet schaffe u.a. keine Gegenstimmen und Gegenwichte und gewähre keine Transparenz.

Als abschließend Handlungsrichtlinie im Umgang mit KI verwies Nemitz auf den Philosophen Hans Jonas und dessen im 1979 erschienen Buch „Prinzip Verantwortung“ entwickelten Imperativ Dies bedeute auch, dass es, wenn es eine Technologie gebe, die langfristige Wirkungen haben könne und bei der man nicht ausschließen könne, dass sie Schlechtes für die Menschen mit sich bringen könne, bereits heute die notwendigen Schritte getroffen werden müssen, um diese negativen Auswirkungen, auch wenn sie sehr weit in der Zukunft liegen, zu vermeiden. An dieses Vorsorgeprinzip appellierte Nemitz auch in Bezug auf den Umgang mit KI.

In der anschließenden Diskussion legte Nemitz u.a. dar, warum die Digitalriesen aus den USA und China eine nie dagewesene Stellung innehatten. Sie vereinten (i) einen enormen Börsenwert, also Geld, mit der Tatsache, dass sie (ii) den öffentlichen Diskussionsraum in der Hand hätten und (iii) über Datenprofile von jedem (auch von anderen Personen als ihren Nutzern!) verfügten, mit (iv) einer hohen Innovationsdichte, von der die Politik nur entfernt eine Ahnung habe. Es werde in den USA überlegt, ob es eines neuen Sherman Acts zur Zerschlagung der Digitalriesen bedürfe; eine Idee die Nemitz wohl zumindest bedenkenswert erschien. In Deutschland sei diesbezüglich zumindest eine kleinere erfreuliche Entwicklung eingetreten: Das Internet-Institut werde inzwischen mit öffentlichen Forschungsgeldern und nicht mit Geldern der Digitalriesen gefördert. Auf eine Nachfrage, ob er angesichts des in den Vordergrund gestellten Datenschutzes momentan diesen allein als ausreichend erachte um vor den möglichen Risiken im Zusammenhang mit KI gefeit zu sein oder ob eine weitere Regulierung nötig sei, um dem Vorsorgeprinzip Genüge zu tun, antwortete Nemitz, dass die europäische Rechtsordnung gut aufgestellt sei: „Wir brauchen viel weniger als die Amis“. Die Datenschutz-GVO genüge wohl ebenso wie die zivilrechtlichen Haftungsregeln. Als persönliche Arbeitshypothese stellte er aber in den Raum, dass es in Zukunft einer verbindlichen Kennzeichnungspflicht bedürfen werde, sobald eine KI-Maschine etwas sage, um den demokratischen Diskurs in seiner jetzigen Form aufrechtzuerhalten. Im weiteren Verlauf trat er vehement weiteren klassischen Argumentationsmustern gegen Regulierung im Internet entgegen. Die 1999 auf dem World Economic Forum propagierte „Independence of the Internet“ existiere nicht. Technik sei vom Sicherheitsgurt im Auto über das AtG, Pharmazeutikaregulierung bis zu Regeln für den Umgang mit Chemikalien immer schon reguliert worden. Das vermeintliche Problem, dass der Schnelligkeit der technologischen Entwicklung, die in der Demokratie und im Rechtsstaat – nach Nemitz zwingend – bestehende Langsamkeit gegenüberstehe, sei durch technikneutrale Regulierung zu lösen. Auch Durchsetzungsprobleme seien kein Argument gegen eine Regulierung, denn auch seit den 10 Geboten seien Morde begangen worden und die ziehe deshalb auch niemand in Zweifel. Die Diskussion schloss er mit einer Forderung nach einem Metadialog zwischen Ingenieuren und Juristen, so wie er seit neuestem am MIT praktiziert werde. Ingenieure und Juristen würden gemeinsam unterrichtet: „Ingenieure lernen Demokratie und Rechtsstaat, den sie ja ggf. in die Programmierung schreiben sollen; Juristen lernen die technische Seite.“

Von Kristin Vorbeck
Die Verfasserin ist Doktorandin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und arbeitet bei der internationalen Rechtsanwaltssozietät Freshfields Bruckhaus Deringer in Berlin.

Die vierte Gewalt – Welche Erwartungen stellt die Gesellschaft heute an Medien? Vier Fragen an Patricia Schlesinger

Am 5. Dezember 2017 war die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger zu Gast bei der gemeinsamen Reihe „Zukunft der Demokratie und die Rolle der Medien“ der Schwarzkopf-Stiftung und des Hertie-Innovationskollegs. Unter der Überschrift: Die vierte Gewalt – Welche Erwartungen stellt die Gesellschaft heute an Medien? sprach Frau Schlesinger in ihrem Eingangsvortrag über die Bedeutung eines freien öffentlich-rechtlichen Rundfunks gerade in Zeiten, in denen dies in einigen europäischen Staaten nicht mehr selbstverständlich ist und der Populismus wieder bedeutender wird.

Es gab eine rege Beteiligung des Publikums, viele Nachfragen wurden gestellt. Unter anderem wurde der Unterschied zwischen einer Regionalberichterstattung (öffentlich rechtlicher Rundfunk) und einer Lokalberichterstattung (Presse) erläutert. Hier eine kurze Kostprobe zur Vielfalt der Fragen und deren Beantwortung:

Publikum: Frau Schlesinger, warum sollte ich als junger Mensch den öffentlich rechtlichen Rundfunk nutzen?
Patricia Schlesinger: Weil Sie sich bei uns darauf verlassen können, dass die Berichterstattung faktenbasiert und ordentlich recherchiert ist. Dafür bezahlen Sie Geld. Andere kostenlose Kanäle sind nicht wirklich kostenlos. Dort bezahlen Sie mit Ihren Daten.

Publikum: Frau Schlesinger, warum kann ich rbb Beiträge nicht jederzeit und rund um die Uhr im Internet anschauen?
Patricia Schlesinger: Wir arbeiten an unserer Internetpräsenz und wollen dort besser werden. Allerdings haben wir Vorgaben des im Rundfunkstaatsvertrag, die wir einhalten müssen. Dazu gehört auch, dass Beiträge nur für einen bestimmten Zeitraum im Internet verfügbar sein dürfen.

Publikum: Sie sprechen von einem europäischen Gesellschaftsvertrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das finde ich eine bahnbrechende Idee: Wie könnte dieser aussehen?
Patricia Schlesinger: Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Europa festgeschrieben und so gesichert wird.

Moderation: Frau Schlesinger, Sie haben mal gesagt, es gibt einen Grundkompass, der gilt, egal wo du lebst? Was ist Ihr Grundkompass?
Patricia Schlesinger: Mir wird immer mehr bewusst, wie wichtig Toleranz ist und die Bereitschaft Dinge aus verschiedenen Richtungen zu betrachten.

 

Susanne Sander, HIK-Kollegiatin und stellvertretende Leiterin des Deutschen Instituts für Community Organizing.

Ausschreibung: Workshop für junge Deutsche und Russen „Wertediskurs mit Russland“

Das Projekt „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ im Hertie-Innovationskolleg veranstaltet am 15.-17. Dezember 2017 in Berlin einen Workshop für junge Deutsche und Russen.

Die aktuellen Schwierigkeiten im deutsch-russischen Dialog zeigen, dass oft gleiche Begriffe wie Demokratie, Zivilgesellschaft, Toleranz usw. unterschiedlich verstanden und/oder ausgelegt werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops erhalten Gelegenheit, sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten in ihrem Verständnis dieser komplexen Begriffe auseinanderzusetzen und lernen, kreative Präsentationstechniken des Formats Science Slam zu nutzen, um ihre individuellen Ansichten alltagsnah und unterhaltsam darzustellen.

Der Workshop findet am 15.-17. Dezember 2017 in Berlin statt. Reise- und Unterkunftskosten werden übernommen (Bahnfahrt 2. Klasse innerhalb Deutschlands bzw. Flug Economy-Class aus dem Ausland, 2 Übernachtungen max. 80 Euro pro Nacht). Arbeitssprache ist Deutsch.

Bewerben können sich junge Deutsche und Russen bis 28 Jahre. Russische Bewerberinnen und Bewerber müssen aktuell in Deutschland wohnhaft sein oder über ein gültiges Visum für Deutschland verfügen. Außerdem werden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr gute Deutschkenntnisse erwartet.

Für die Bewerbung gehen Sie bitte wie folgt vor:

  • Füllen Sie bitte das Bewerbungsformular aus und laden Sie die Unterlagen hier hoch:
  1. Lebenslauf
  2. Kurzes Motivationsschreiben (ca. 1 Seite), das folgende Fragen beantworten sollte:
  • Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem in der Kommunikation zwischen Deutschen und Russen heute?
  • Schildern Sie ein persönliches Erlebnis, bei dem Sie sich hilflos bei der Verständigung mit einem deutschen/russischen Gesprächspartner gefühlt haben.
  • Was ist Ihre persönliche Strategie mit umstrittenen Themen im deutsch-russischen Kontext umzugehen?

Bitte bewerben Sie sich bis zum 20. November 2017.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an
Dr. Evgeniya Sayko: saykoe@hertie-innovationskolleg.de

Paartherapie für deutsch-russische Beziehungen

Es wird oft gefordert, dass man Verständnis für Russland braucht, um im Dialog zu bleiben. Meine Überzeugung ist: wir brauchen nicht nur Verständnis für Russland, wir brauchen Verständigung mit Russland. Das ist ein prinzipiell anderer Ansatz. Verständnis geht nur bis zu einem gewissen Punkt, nach diesem Punkt wird gesagt „ich habe kein Verständnis dafür“. Und dort wo Verständnis aufhört, gibt es nur einen Ausweg: ein langer mühsamer Prozess der Verständigung.

Viele sind heute ratlos, wie es weiter mit dem Dialog gehen soll. Dies war auch Thema bei den letzten Potsdamer Begegnungen, eine Konferenz des Deutsch-Russischen Forums. Wir spüren, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem es nötig ist, wie man auf Russisch so schön sagt, „сверить часы“ – „Die Uhren zu vergleichen“. Es wird viel über Politik geredet, aber es ist hilfreich, nicht auf der politischen Ebene oder nicht nur auf der politischen Ebene zu bleiben. Dieser sehr politische Diskurs macht deutlich, welche Missverständnisse es gibt und wie sie sich verfestigt haben. Einstein sagte: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“.

Wir sollten die „Uhren vergleichen“ mit den Grundbegriffen und Konzepten, die wir alle benutzen. Wir erleben eine Krise der demokratischen Rhetorik. Nicht die Demokratie ist in der Krise, sondern die Rhetorik darüber. Wie Sabine Fischer sagte, viele Wörter sind in unsrem Gebrauch zu Worthülsen geworden. Wir müssen uns mit diesen Wörtern auseinandersetzen, um ihnen wieder einen adäquaten Inhalt zu verleihen.

Begriffe sind Grundelemente eines jeden kommunikativen Prozesses. Wenn sie nicht geklärt sind, bereiten sie Missverständnisse auf dem Weg, so dass man kaum voran kommen wird.

Es ist bemerkenswert, mit welchen Wörtern wir in diesen Tagen über die deutsch-russischen Beziehungen gesprochen haben:  es ging um irrationale Ängste, sehr starke Emotionen, sogar Instinkte, „chronisches Misstrauen“ und „Müdigkeit, die zu einer Resignation führt“ usw. Es ist sehr psychologisches Bild. Wie einer der Teilnehmer der Konferenz sagte: „Wenn man Rückenschmerzen hat, sollte man zur Physiotherapie gehen“. Und wenn man in Beziehungen Probleme hat, da sollte Psychotherapie helfen. Und was macht man bei einem Psychoanalytiker? Beim Psychoanalytiker fängt man mit den grundlegenden Dingen an: sich mit den Assoziationen  und Vorstellungen, die für einen wichtig sind, zu beschäftigen.

Wie wäre es, wenn wir uns beim nächsten Treffen mit unseren Worthülsen auseinandersetzen? Zum Beispiel in einer AG –  also auf einer Couch – könnte man den Begriff „Internationales Recht“ und in der anderen „Pariser Charta“ behandeln. Vielleicht kann den deutschen-russischen Beziehungen diese Paartherapie helfen, Ängste, Missverständnisse und Misstrauen zu senken? Denn auch beim Worst Case „Scheidung“ wird keiner aus dem gemeinsamen europäischen Haus ausziehen können. Wir sind gezwungen, neu zu lernen, uns zu verständigen.

Ein ausführliche Dokumentation der letzten Potsdamer Begegnungen mit russischer Übersetzung findet sich hier: http://www.deutsch-russisches-forum.de/portal/wp-content/uploads/2017/10/Layout_September2017_12.pdf

Weitere Informationen über die Potsdamer Begegnungen: http://www.deutsch-russisches-forum.de/ueber-uns/taetigkeitsbereiche/potsdamer-begegnungen

(Evgeniya Sayko)

(c) Foto: Gortschakow-Stiftung