„Haste Worte…! Mehrsprachigkeit ein Gewinn für alle?“

Michael KnollZukunft der Bildung0 Comments

von CAROLIN RAHE, KATHARINA LEZIUS und MICHAEL KNOLL

Mehr als 30 Prozent der SchülerInnen in Deutschland – das sind etwa 2,5 Millionen Mädchen und Jungen – haben einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen sprechen eine andere Erstsprache als das Deutsche. Häufig aber wird die Fähigkeit dieser Kinder, zwei Sprachen zu können, eher als Problem denn als Chance wahrgenommen. Mit fatalen Konsequenzen: Weit verbreitete Erstsprachen von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland – wie Türkisch, Arabisch, Polnisch oder Russisch – werden in der Schule nur selten gefördert.
Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Erstsprache eine wichtige Ressource ist, um weitere Sprachen zu erlernen. Die Wissenschaft sagt klar, Mehrsprachigkeit ist ein kultureller Wert. In Deutschland existiert jedoch eine Hierarchie der Sprachen. Zwei- und Mehrsprachigkeit wird dann begrüßt, wenn Mittelschichtseltern künstlich ihren Kindern die Weltsprachen Englisch oder Mandarin vermitteln. Zugleich werden die Kinder, die in Türkisch, Arabisch oder anderen Sprachen mit ihren Verwandten über Ländergrenzen lebendige, soziale Beziehungen pflegen, nicht unterstützt, diese Fähigkeit zu entwickeln und auszubauen. Es herrscht die Furcht, dass gerade diese Sprachen die Kinder dabei hindern, die deutsche Sprache richtig zu erlernen.
Im Themenforum „Bildung zum Frühstück“ des Hertie-Innovationskollegs wurde am 24. September 2016 in der Cafébar im Frankfurter Kunstverein über die Chancen mehrsprachiger Erziehung und die realen Probleme diskutiert. Moderiert von Tim Frühling vom Hessischen Rundfunk debattierten Marina Demaria, Leiterin der ersten deutsch-italienischen Kita in Frankfurt, Nicola Küpelikilinc, Psychologin und freie Fachreferentin für sprachliche Bildung, die kommissarische Schulleiterin der Freiligrathschule in Frankfurt Heike Schley und Prof. Dr. Rosemarie Tracy, Inhaberin des Lehrstuhls für Anglistische Linguistik an der Universität Mannheim und dort Mitgründerin des Zentrums für Empirische Mehrsprachigkeitsforschung.
Mit diesen Expertinnen entspann sich ein weiter Bogen zum Thema Mehrsprachigkeit. Anhand der Entstehungsgeschichte der deutsch-italienischen Kita „Pinocchio“ konnte die Geschichte der Integration in Deutschland nachvollzogen werden. Heute fördert Kita Mehrsprachigkeit als Investition in die Zukunft und tritt ein für ein besseres Verständnis der kulturellen Komplexität unserer Gesellschaft. Sie ist dabei offen für Eltern mit verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen und nicht mehr nur für italienische oder deutsche Familien.
Auf den Aspekt, dass Sprache für das Kind emotional und sozial relevant ist, verwies auch Nicola Küpelikilinc. Heike Schley, die u.a. Leiterin der Römerstadtschule in Frankfurt war, in der 80% der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben, betonte insbesondere, dass der Hauptbeweggrund für Mehrsprachigkeit eben nicht schulische Erfolge sein sollten. Mehrsprachigkeit im Kita- oder Schulalltag erfolgreich zu fördern und zu nutzen, sei zunächst einmal eine Frage der pädagogischen Haltung. Wenn gerade Erzieher und Lehrkräfte anderen Kulturen und Sprachen eine hohe Wertschätzung entgegenbringen, kann auch mit knappen Ressourcen viel erreicht werden.
Rosemarie Tracy, die sich in ihren Forschungen auf Bilingualismus, Erstspracherwerb und Sprachkontaktphänomene (code-switching) spezialisiert hat, machte klar, dass ein anregungsreiches Sprachangebot sich am besten in natürlichen Situationen entfaltet. Kinder lernen Sprachen systematisch, treffsicher und beharrlich – wenn man sie denn lässt und ihnen dafür gute Bedingungen bietet. Am besten ganz ohne Druck. So entfaltet sich das Talent vieler Kinder, Sprachen zu erwerben, fast von selbst.
Im Grunde ist jeder mehrsprachig – der Mensch beherrscht unterschiedliche soziale Sprachen, z.B. also eine ganz eigene Sprache im heimischen oder familiären Kontext, eine spezifische Arbeits-Sprache oder eine für besondere gesellschaftliche Konstellationen. Insofern wurde deutlich, dass Mehrsprachigkeit gelebter Alltag von uns allen ist.
Aufgrund der regen Beteiligung des Publikums an der Diskussion konnten viele Aspekte vertieft und durch Beispiele aus der Praxis angereichert werden. Insgesamt war es ein sehr lebhafter Morgen, der Lust macht auf die nächste Veranstaltung: am 3. Dezember wieder in der Cafébar im Frankfurter Kunstverein. Dann diskutieren unsere Gäste zum Thema „Leistung ohne Druck? – Spagat zwischen Fördern und Fordern“.

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.