Interview mit Prof. Dr. Helen Knauf

Sophia WittwerZukunft der BildungLeave a Comment

Mit „Zukunft der Bildung. Stiftung im Dialog.“ wurde eine Reihe gestartet, die sich in Frankfurt/M. aktuellen Fragen, Themen und Trends in der Bildung stellt. Zur Diskussion eingeladen sind Multiplikatoren, Gestalter und an Bildungsfragen Interessierte. Die Auftaktveranstaltung am 9.07. 2016 beschäftigte sich mit dem Thema „Zukunft Digital? – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Bildungsbereich“. Unsere Gäste waren:
Prof. Dr. Helen Knauf, Professur für Pädagogik der Frühen Kindheit, Hochschule Fulda
Gregory Grund, „Digitale Helden“ – Medienbildung für Schüler, Eltern und Lehrkräfte
Ralph Müller-Eiselt, Alumnus der Hertie School of Governance und Projektleiter „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ der Bertelsmann Stiftung Gütersloh
Moderation: Tim Frühling, Hessischer Rundfunk, Frankfurt

Lesen Sie hier ein Interview mit Prof. Dr. Helen Knauf:

Eines Ihrer Forschungsgebiete lautet Medien in der Kindheit – an welcher Fragestellung arbeiten Sie aktuell?
Eine Entwicklung, die mich aktuell beschäftigt ist die Nutzung sozialer Netzwerke durch Kindertageseinrichtungen. In den USA sind immer mehr Kitas beispielsweise auf Facebook oder Twitter unterwegs; auch in Deutschland gibt es einige. Ich befasse mich dabei mit der Frage, welche Funktion die sozialen Netzwerke für die Kitas übernehmen. Gerade in Deutschland ist das vorwiegend die Information von Eltern und Partnern der Einrichtung. Andere Kitas nutzen die Netzwerke, um gemeinsam mit Kindern die pädagogische Arbeit zu dokumentieren oder mit ihnen die digitale Welt zu erkunden. Die Kinder werden selbst aktiv, begleitet von Erziehern – es werden Fotos gemacht, Zitate der Kinder werden gepostet. So findet eine sehr natürliche Medienbildung statt, denn die Kinder nutzen das Medium und schauen, wen sie damit erreichen.

Digitalisierung im Bildungsbereich soll zu mehr Chancengerechtigkeit führen – stimmen Sie dem zu?
Ich denke, dass die Digitalisierung in jedem Fall ein großes Potenzial dazu hat. In Schule und Hochschule liegt die besondere Chance ja in den Möglichkeiten der Individualisierung von Lernprozessen und darin, Wissen für viele überhaupt erst zugänglich zu machen. In der Kita hingegen geht es vor allem darum, den Zugang zu digitalen Medien zu ermöglichen und diese als Bildungsinstrument sichtbar zu machen.

Chancengerechtigkeit kann dann entstehen, wenn auch Medienbildung stattfindet, wenn Kinder und Jugendliche nicht den Medien überlassen werden sondern zu einem reflexiven kritischen Umgang angeregt werden. Kinder mit allen Herkünften die Gelegenheit haben das Bildungspotential des Digitalen für sich zu entdecken, ein Inklusionspotenzial steckt in dem audiovisuellen Charakter der digitalen Medien, es ist nicht nur auf die Wortsprache konzentriert sondern bietet z. B. über Fotos noch einen weiteren Zugang zu Bildung.

Kleinkinder und Medien, das sind für viele Begriffe, die nicht zusammengehören – ab welchem Alter ist es sinnvoll, digitale Medien einzusetzen?
Ich plädiere für eine Entdramatisierung des Digitalen. Digitale Medien sind heute selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt von Kindern in Deutschland – und zwar Kindern jeden Alters. Eine Altersgrenze suggeriert, man könne Kinder bis zu einem bestimmten Alter vom Digitalen fernhalten. Das ist aber letztlich kaum möglich und selbst wenn, würde es doch ein verzerrtes Bild der Welt vermitteln. Es spricht beispielsweise nichts dagegen, mit einem 1-jährigen Kind ein digitales Bilderbuch auf dem Tablet anzugucken. Der Fokus sollte deshalb darauf liegen, Kinder auf sinnvolle Weise bei der Entdeckung des Digitalen zu begleiten, altersangemessene Medien zu finden und darüber immer wieder miteinander in Austausch zu kommen. Im Bereich der frühkindlichen Bildung geht es nicht darum, dass Kinder die Rolle von Konsumenten von digitalen Medien einnehmen sondern sie sollen sich aktiv mit Medien auseinander setzen und dabei selbst erfahren, dass diese Medien für Bildungszwecke eingesetzt werden können. Praktisch bedeutet das z.B. für Kinder unter sechs Jahren, dass sie ihre gestalteten Produkte oder auch ihre Lebensumwelt aus ihrer Perspektive im Video oder auf Fotos festhalten. Medien sind Teil der Lebenswelt von Kindern. Und sie können sehr gut entscheiden, mit welchen Dingen sie sich beschäftigen wollen.

Was ist am dringlichsten zu tun, damit das Thema Digitalisierung im Bildungsbereich künftig gelingt?
Die Hürden für die Digitalisierung liegen auf verschiedenen Ebenen. Es gilt sozial-emotionale Hürden zu überwinden, denn das Unbehagen gegenüber digitalen Medien ist oft groß. Die Vorstellung, Kinder vor der virtuellen und digitalen Welt beschützen zu müssen, ist weit verbreitet. Hier erschient es mir sehr wichtig, das Pädagog*innen ihre eigenen Erfahrungen mit digitalen Medien machen und dabei fachlich unterstützt werden. Mit anderen Worten: Fortbildung und Netzwerkbildung unter den Pädagog*innen ist zentral. Hier gilt es Einzelne zu ermutigen, wir brauchen Personen, die mit Schüler*innen oder Kitagruppen Dinge ausprobieren; es ist aus meiner Sicht ganz wichtig, auf dieser Mikroebene aktiv zu werden.
Aber auch auf technischer Ebene sind noch große Hürden zu bewältigen – in vielen Kitas gibt es nur einen einzigen, oft nicht mehr ganz neuen Computer im Büro der Leitung. In Schulen herrschen, wie heute gehört, ähnliche Verhältnisse. Und die Ängste und Bedenken auf juristischer Ebene müssen ernst genommen werden. Hier ist vieles noch unklar: Wo müssen Persönlichkeitsrechte gewahrt werden? Was sagt der Datenschutz? Hier sind Träger von Bildungsinstitutionen in der Pflicht, für mehr Aufklärung zu sorgen, um Unsicherheiten zu reduzieren.

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