Zukunft Digital? – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Bildungsbereich

Sophia WittwerZukunft der Bildung0 Comments

Ein Bericht von Tine Nowak

Am 9.7.2016 fand im Cafébar des Frankfurter Kunstvereins in Frankfurt am Main ein neues Veranstaltungsformat zum Thema Bildung statt. Es ist die erste Veranstaltung der Reihe „Bildung zum Frühstück“, die ein gemeinsames Frühstück mit einer Diskussion zu einem aktuellen Bildungsthema verbindet. Die Gemeinnützigen Hertie-Stiftung hatte offen eingeladen und es kamen interessierte Bildungsakteure, regionale Pädagogische Fachkräfte und Stiftungs-Alumni. Die Veranstaltung fand statt im Rahmen des Hertie-Innovationskollegs, dessen Leiter Michael Knoll zusammen mit Katharina Lezius (Horizonte-Programm) die anwesenden Gäste willkommen hieß. Sie führten kurz in das Veranstaltungsformat ein, welches sich in seiner ersten Ausgabe dem Thema Digitalisierung im Bildungsbereich widmete.

In den letzten Jahren habe ich es schon oft so erlebt: Wann immer eine Diskussion die Chancen und Risiken von einer Entwicklung oder einem Phänomen diskutieren will, sind es meist die Risiken, die den größten Raum bekommen. Die Ängste zu einem Thema sind immer schon da, während die Potentiale erst noch entdeckt werden müssen.

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hatte zum Frühstück geladen. Die Cafébar war gut besucht, ein wunderbares Büfett war aufgebaut worden, Menschen liefen emsig umher, an einem Tisch unterhielten sich die eingeladenen Expert/innen des Podiums. Leute plauderten, auch ich traf sogleich einen mir bekannten Lehrer und Kollegen, der ebenfalls in der Lehrerbildung an der TU Darmstadt aktiv ist. Die Frühstücksidee schien soweit zu fruchten. Das Thema der folgenden moderierten Diskussion ist im Bildungsbereich seit Jahren aktuell: „Zukunft Digital? – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Bildungsbereich“. Mit dem gegenwärtigen Strategieentwurf „Bildung in der digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz nimmt die Diskussion allerdings auch auf institutioneller Ebene wieder Fahrt auf. Wie schon im Titel der Veranstaltung tauchen Medien hier gar nicht mehr auf. Digitale Bildung ist der Begriff der Stunde. Digitalisierung scheint die Mediatisierung in der populären Debatte abzulösen, letztlich verhandeln wir, wie wir in einer Welt, die von digitalen Medien durchdrungen ist, leben und agieren wollen.

Ab wann gehören Medien in Kinderhand?
Tim Frühling (Hessischer Rundfunk) führt durch das Gespräch zu „Bildung zum Frühstück“ und leitet ins Thema ein: Ab wann gehören Medien in Kinderhand? Das Podium positioniert sich zunächst, die Frage wird jedoch in Folge wieder aufgegriffen. Auf eine Entdramatisierung der Debatte hofft Helen Knauf (Hochschule Fulda), Gregory Grund (Digitale Helden) beobachtet gegenwärtig gar eine Bildungsrevolution und Ralph Müller-Eiselt (Bertelsmann Stiftung) sieht in Deutschland derweil viel Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung in der Bildung.

Medien in der Kita ist das nicht zu früh? Nicht ab wann, sondern was machen Kinder mit digitalen Medien, das ist die Frage, die uns interessieren sollte, so Helen Knauf. Sie ist als Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit die Expertin für diesen Themenbereich. In Deutschland sind Erzieher und Erzieherinnen noch zögerlich, viele andere Anforderungen konkurrieren im Kindergarten. In den USA hatte sie schon ganz andere Erfahrungen machen können. Dort werden digitale Medien durchaus undogmatisch eingesetzt. Helen Knauf berichtet von Pädagog/innen, die ein Problem lösen wollen und im Digitalen Lösungen finden. Wird etwas benötigt und helfen dann Medien, so kommen sie auch zum Einsatz. Sie plädiert dafür sich der Herausforderung ernsthaft und nachhaltig zu widmen und sie in Deutschland nicht als reine Wahlkampfkulisse zu missbrauchen.

Digitalisierung der Bildung ist Schulentwicklungsaufgabe
Ralph Müller-Eiselt wünscht sich mehr Entspanntheit in der Diskussion zu Nutzung von Medien. Verbote und Gesetze können letztlich nicht die erwünschte Lösung sein. Vor ihm auf dem Stehpult liegt das gemeinsam mit Jörg Dräger verfasste Buch „Die Digitale Bildungsrevolution“. Als Projektleiter „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ der Bertelsmann Stiftung hat er die Digitalisierung der Bildung im internationalen Kontext untersucht und mahnt, dass Deutschland tätig werden müsse. Nicht allein die Aufrüstung von Technik und IT sei das Gebot der Stunde, sondern es gehe vielmehr um die Integration des Digitalen als Schulentwicklungsaufgabe, um Datensouveränität und das Entwickeln von Medienkonzepten für die Schulen.

Fasst man die vielen Statements aus dem Publikum zusammen, scheint es genau hier zu haken. Ob mit digitalen Tafeln, die in Schulen installiert werden, deren Potential fachlich nicht ausgeschöpft werden. Oder mit Websperren im Wlan, die selbst den Lehrer/innen das Aufrufen von Fachforen verweigern. Viele Hürden werden offenbar, wenig positive Beispiele finden sich im Auditorium. Es ein Jammertal, in welches sich die Veranstaltung kurzzeitig begibt.

Die Anforderungen der Digitalisierung im Bildungsbereich an die Institutionen und Akteure sind hoch und man könnte fast meinen, sie seien aus eigener Kraft derzeit kaum zu stemmen. Den externen Lückenschluss versucht das Social Start Up der „Digitalen Helden“. Seit drei Jahren bieten sie in Schulen Peer-to-Peer-Projekte an, bei denen ältere Schüler/innen geschult werden, um Ansprechpartner/innen für jüngere Schüler/innen in Sachen Websicherheit zu sein. Die Verunsicherung bei den Lehrkräften ist groß: Digitale Kompetenz, Medienkompetenz, Datenkompetenz. Ein undurchdringlicher Urwald erwünschter Kompetenzen. Wenn er Urhebergesetze für Lehrer/innen in einem Satz zusammenfassen könnte, dann wäre er ein gefragter Mann, so Gregory Grund.

Die Digitalisierung wirkt sich auf alle aus, doch im konkreten Fall fühlen sich viele allein gelassen. Eine Lehrerin brachte zum Ausdruck, wenn sie nun im Unterricht mit Blogs arbeiten wolle, wäre sie doch bei sich in der Schule die Einzige damit. Es sind Veranstaltungen, die Raum zum Austausch bieten, ob im digitalen Raum oder vor Ort wie hier zum Frühstück, die Leute mit ihren Fragen und Bedürfnissen zusammenbringen, um gemeinsam weniger allein zu sein.

Vor Ort war Tine Nowak, sie war 2005 als Kafka-Stipendiatin Krakau. Sie ist als Doktorandin und Lehrbeauftragte am Arbeitsbereich Medienpädagogik der TU Darmstadt tätig, sie podcastet zu Bildung unter www.kulturkapital.org und ist Mitglied im Hertie Network on Digitalization (HNoD).

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