Lunchvortrag mit Stefan Aust

Michael KnollZukunft der DemokratieLeave a Comment

Ein Kommentar von Kassandra Becker, Kollegiatin im Hertie-Innovationskolleg

Montagmittag im Springer-Gebäude. Befänden wir uns nicht im 19. Stock eines modernen Hochhauskomplexes, könnte man meinen, es sei ein altes Landhaus. Holzvertäfelung, antiquarische Bücher und eine lange, prunkvolle Tafel. Von hier oben lässt es sich entspannt auf die Zukunft Europas hinabblicken.

Das Innovationskolleg der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung lud gemeinsam mit der Schwarzkopf-Stiftung zu einem Lunchvortrag mit anschießender Diskussion ein. Gast war Stefan Aust, von 1994 bis 2008 Chefredakteur des Spiegels und seit 2014 Herausgeber der Tageszeitung Die Welt. Aust begann seine journalistische Karriere schon früh: Eher spontan kam er zu den St. Pauli Nachrichten und arbeitete, neben Ulrike Meinhof, für das linke Magazin konkret.

An diesem Mittag sollte über den Brexit und die Rolle der Medien gesprochen werden. Dass das Projekt „Europäische Union“ Frieden und Demokratie nach Europa gebracht hat, darin seien sich alle einig. Und auch die deutschen Medien stellten die Grundidee Europas nicht in Frage, so Aust. Kritik an der Ausgestaltung und der Kommunikation des Konzepts gebe es jedoch en masse; EU-KritikerInnen, in UK und anderswo, blieben uns eine Antwort schuldig, wie alternative Lösungsansätze und eine gesamteuropäische Debatte aussehen könnten. Viel zu häufig spreche man über Europa und seine große Idee – dass alle Staaten weiterhin eigene Interessen verfolgten, würde zu wenig thematisiert. Wie man Lösungen und Alternativen für eine reformierte EU finden kann, ließ Aust offen.

Eines habe das Referendum in Großbritannien gezeigt: Es ging weniger um die Sache, als vielmehr um Innen- und Parteipolitik. Nicht erst seit dem Brexit werde mit Volksabstimmungen Wahlkampf gemacht – auch Jaques Chirac nutze dieses Mittel 2005 als es um die Abstimmung der EU-Verfassung ging. Aust beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen: Cameron öffnete mit der Brexit-Debatte eine Tür, nur um dann dafür zu kämpfen, dass niemand hindurchgeht. Diese Metapher war für Aust eine perfekte Überleitung zu seiner Aussprache gegen eine direkte Demokratie. Denn: wählen könne trotzdem – überspitzt formuliert – „jeder Blödmann“. Hört man Aust zu, fragt man sich, ob die großen Medienhäuser den Bezug zu den „Blödmännern“, also den bildungsferneren Gruppen, schon längst verloren haben. Sie schaffen es nicht, ihrer Aufklärungsfunktion nachzukommen. Stattdessen gibt es immer mehr neue Formen des BürgerInnenjournalismus. BürgerInnen, die sich über ihren eigenen Newsfeed bei Facebook informieren und die Kommentarspalten der Onlineplattformen füllen. Ja, bei Der Welt sei man damit beschäftigt, mehr auf Online-Journalismus zu setzen, und die LeserInnenschaft zu diversifizieren. Auch Facebook-Interaktionen werte man aus. Was die Zahlen ihm sagen sollen, verstehe er allerdings nicht so genau. Die Relevanz moderner Kommunikationskanäle, jenseits von Print und Rundfunk, so macht es den Eindruck, ist bei Aust noch nicht recht angekommen. Auf eine Antwort, wie Aust die junge Generation erreichen wolle, wartete die (junge!) Tischgesellschaft vergebens. Einfach war es damals, als Aust seine Karriere bei den Sankt Pauli Nachrichten begann und das Internet noch nicht seine Wirkungskraft entfaltet hatte.

Aber: die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Das Gespräch mit Aust hat gezeigt, dass es an Menschen wie den Teilnehmenden an der Debatte – fast ausschließlich junge Menschen in ihren Zwanzigern – liegt, das Europa von morgen zu gestalten und Lösungen für komplexe Fragen zu entwickeln.

Männer wie Aust, die einer anderen Generation angehören, scheinen zu viel Zeit in ihren prunkvollen Sälen zu verbringen, als sich mit den Veränderungen und den Wünschen der BürgerInnen zu beschäftigen. Wer mag es ihm verübeln? Hier oben im 19. Stock wirken die Menschen da unten, für die er schreibt, wie kleine Punkte.

Bilder zu dieser Veranstaltung finden sie hier.

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