Michel Friedman oder das politische Gespräch als Bewusstseinszustand

Kassandra BeckerZukunft der DemokratieLeave a Comment

Gedanken zum Workshop „Moderation politischer Debatten“ mit Prof. Dr. Michel Friedman am 8. September 2016, veranstaltet von Polis180 und dem Hertie-Innovationskolleg

Von Christian Freudlsperger

Furios – anders lässt sich die Urgewalt kaum beschreiben, die vor einigen Tagen über die Mitglieder des Hertie-Innovationskollegs und von Polis180 hereinbrach. Mit raumgreifendem Gestus und narzisstisch beflügeltem Monster-Ego füllte Michel Friedman, der Abgott des deutschen Polit-Talks, die Herzen und die Hirne der Anwesenden bis oben hin an mit fruchtbaren Gedanken und der Gewissheit, dass niemals irgendjemand irgendetwas erreichen wird, wenn er oder sie nicht für die gerechte Sache brennt. Der Noel Gallagher des deutschen Fernsehens, der Rockstar des Polit-Business, stets nach vorne, immer auf dem Sprung und alert bis in die Haarspitzen: mit faszinierend ist die Kunstfigur Michel Friedman noch nicht einmal annähernd gefasst.

„Ich lebe lieber selbstverliebt, als selbstverleugnet.“ Damit hatte Friedman den bemitleidenswerten Christoph Schlingensief in einer der denkwürdigsten Folgen von „Durch die Nacht“ in ebendiese entlassen. Und ebenso gerieten den Anwesenden die beinahe drei Stunden des Diskutierens, des Sich-Herausforderns, des Miteinander-Sprechens mit Herrn Friedman zu nichts als einer schillernden Reflexion über das Leben. Friedman, der sich der Wirkung der von ihm ausgefüllten Rolle absichtsvoll bewusst ist, zeigte sich von seiner besten Seite – als Radikaldemokrat, als leidenschaftlicher Menschenfreund und begnadeter Zuhörer. Immer an der Erkenntnis orientiert, ein Aufklärer im Wortsinne.

Er lehrte die Anwesenden erstens Mut, wenn sie „auffällig“ werden, wenn sie sich endlich einmal aus der Deckung wagen: eine a priori entschuldigend konsensorientiert geführte Debatte ist nicht, was er sich unter Diskurs vorstellt. Überhaupt, sie, die ZuhörerInnen, mögen sich doch bitte was trauen, permanent hinterfragen, im Indikativ sprechen, sich nicht hinter einem imaginären ‚wir’ verstecken. Mit jeder Faser seines jugendlich sehnigen, im feinen Slim-Fit-Zwirn sinnlich drapierten Körpers lebte er ihnen dies vor. Er lehrte sie zweitens, dass eine Sprechsituation ein Bewusstseinszustand ist. Wer ein ernsthaftes Gespräch führen will, der muss vor allem gut und genau zu- und hinhören können, der muss laufend begreifen, was der Gegenüber sagt, der muss das gesprochene Wort auf eine so radikale Art und Weise ernst nehmen, die jungen, selbstschutzsuchenden IronikerInnen nicht mehr zu eigen ist. Sein eigenes, intensives Da-Sein während dieses Gesprächs legte von seinem Anspruch das beste Zeugnis ab. Nichts konnte ihn abbringen, nichts ablenken. Er lehrte die Anwesenden drittens die Reduktion auf das Wesentliche, die Ablehnung jeglichen Popanzes, das bewusste Verweigern des an sich verständlichen Triebes, die eigene Großartigkeit im berühmten und/oder einflussreichen Gegenüber zu spiegeln. Doch lehrte er die Anwesenden vor allem eines, nämlich dass Menschen, wenn sie ihre Talente zur Entfaltung bringen, Großartiges auszubilden vermögen. Michel Friedmans Sprachgewalt ist von so berückender Klarheit, von überwältigender Schönheit. Harald Schmidt sagte einmal zu Christian Kracht: „Sie können Dinge ausdrücken, die ich nur dumpf empfinde.“ Friedman redet, wie Kracht schreibt.

Wer an diesem Nachmittag, wie ich das in meiner vollkommenen Idiotie zu Beginn der Veranstaltung bekannt hatte, „Kniffe“ für das „erfolgreiche“ Moderieren politischer Debatten erwartete, der hat nichts, aber auch gar nichts, verstanden. Als nächstes möchte ich deshalb gerne Christian Kracht zum Workshop „Schreiben politischer Beiträge“ einladen. Auch er hat sicherlich keinerlei „Kniffe“ parat, sondern lehrt uns, schreibend ein politisches Leben zu führen. Und das wollen wir doch bei Polis, oder?

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