„‚Werte‘ ist ein gefährliches Wort“: Interview mit Dr. Greg Yudin (Teil 1)

Evgeniya SaykoZukunft der Demokratie Hinterlasse einen Kommentar

Dr. Greg Yudin wird in Russland als neuer Star der russischen Soziologie gefeiert. Er ist Professor für politische Philosophie an der Moskauer Schule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Moskau, unterrichtet an der Higher School of Economics (HSE) und forscht für seinen PhD an der New School for Social Research in New York. Der Philosoph und Soziologe warnt, dass die Gespräche über Werte immer in die Sackgasse führen und für die internationalen Beziehungen schädlich sind. In seinem Impulsreferat «Gefährliche Werte und die Falle des Wertediskurses»  wird er am 1. März 2018 bei der Podiumsdiskussion Wertediskurs mit Russland: was läuft schief?  seine Thesen näher erläutern.

Das Interview hat Dr. Evgeniya Sayko im Rahmen ihres Projektes „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ geführt.  

Die Wertefrage ist im deutsch-russischen Dialog zum Stein des Anstoßes geworden: Sie führt zu Streit oder man versucht, ihr aus dem Weg zu gehen. Warum fällt es uns so schwer, über Werte zu reden?

Sobald wir beginnen, soziale Interaktion oder Politik mithilfe einer bestimmten Sprache zu beschreiben, dann ist die Sprache niemals neutral. Jeder Sprache sind gewisse Voraussetzungen inhärent. Die Sprache der Werte bewirkt ebenfalls eine bestimmte Ontologie, einen bestimmten Blick darauf, wie die Welt eingerichtet ist. Der Begriff der „Werte“ erscheint in Hermann Lotzes Philosophie, aus der er um die vorletzte Jahrhundertwende von einer anderen einflussreichen philosophischen Schule, dem deutschen Neukantianismus, übernommen wurde. Max Weber, einer der bekanntesten Neukantianer, postuliert, dass die Struktur der Welt durch Werte bestimmt wird und dass diese permanent miteinander im Kampf liegen, den er als „Götterkrieg“ bezeichnete. Das heißt, dass für uns die einen Dinge bedeutsam sind, während für andere Menschen andere Dinge keineswegs weniger Bedeutung haben. Unsere Werte sind keinen Deut besser als die Werte anderer Menschen, aber wir glauben an diese Werte genauso fest, wie andere Menschen an ihre Werte glauben. Und somit entsteht das Bild vom Wertekonflikt.

Ist es überhaupt möglich, sich über Werte zu einigen? Ist es möglich, übereinzukommen, um das zu erhalten, was wir als „universelle Werte“ bezeichnen?

Werte sind inkommensurabel. Es gibt keinerlei universelle Werte. Weber sagte Folgendes: Sie beispielsweise glauben an die rationale Erkenntnis, und das ist wunderbar, bitteschön, aber es gibt Menschen, die nicht daran glauben. Und Sie können ihnen nicht rational beweisen, dass man an die rationale Erkenntnis glauben muss. Es ist unmöglich, die Wissenschaft rational zu begründen. Darum hat Weber, wenn er mit seinen Studenten arbeitete, auch gesagt, dass es kein rationales Argument dafür gebe, dass man sich mit Wissenschaft befassen müsse. „Ich befasse mich mit ihr“, führte er aus, „und das ist das beste Argument. Ich mach euch jetzt klar, dass dies für mich bedeutsam und wichtig ist, dass ich mich dieser Sache verschrieben habe.“

Ich komme jetzt aber noch einmal auf unser Thema zurück. Warum ist unser Wertedialog immer so konfliktträchtig?

Weil die Sprache an sich eine problematische Angelegenheit ist. Sie lässt sofort die Idee des Konflikts zwischen unterschiedlichen Werten oder die Idee der Notwendigkeit entstehen, nach zweifelhaften universellen Werten suchen zu müssen. Weber hatte in dem Sinne recht, dass wir keinerlei Gründe für die Annahme haben, dass es universelle Werte gibt. Das lässt sich nicht rational beweisen.

Und der Wert des menschlichen Lebens? Oder der Menschenwürde, von der beispielsweise in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes die Rede ist?

Das menschliche Leben ist sehr wichtig, denn es ist das Einzige, womit wir auf die Welt kommen. Aber nicht das Leben an und für sich ist wichtig, sondern das, wie wir darüber verfügen. Jeder von uns könnte in einer bestimmten Situation sein Leben für etwas opfern, das ihm heilig ist. Wir werden zum Beispiel damit konfrontiert, dass irgendwelche Leute nach Europa kommen und sich dann mitten in Paris oder Berlin in die Luft jagen. Da fragt man sich, was für diese Leute wirklich wichtig ist – das menschliche Leben oder vielleicht etwas ganz anderes? Sofort heißt es, dass das Antimenschen sind, weil sie den primären Wert des menschlichen Lebens negieren. Lasst uns zusammenrücken, heißt es, lasst uns alle Grenzen schießen, lasst uns sie abwehren, weil unsere und ihre Werte inkompatibel sind. Die Sache ist aber die, dass der Begriff der „Werte“ zwangsläufig den Begriff der „Antiwerte“ voraussetzt, womit das gemeint ist, was für den Schutz unserer Werte bekämpft werden muss. Und unter dem Strich kommt heraus, dass wir nach universellen Werten gesucht, aber wieder einen Wertekonflikt bekommen haben.

Mit der Würde sieht es nicht anders aus. Ja, wir können eingestehen, dass alle Menschen in Würde leben wollen. Aber was ist das? Unsere Sichtweisen sind unterschiedlich. Die Aufgabe der Politik besteht darin, dafür zu sorgen, dass Menschen mit verschiedenen Ansichten über ein Leben in Würde miteinander leben, streiten und voneinander lernen können. Es ist nicht Aufgabe der Politik, alle Menschen unter ausschließlich einem – dem „richtigen“ – Verständnis von Würde zu vereinen.

Wenn wir Konflikte zwischen Menschen als Wertekonflikte beschreiben, dann implizieren wir dieser Beschreibung von vornherein, aber ohne es zu bemerken, eine Voraussetzung, die darin besteht, dass es zwischen uns tatsächlich unüberwindbare Gräben und unüberwindbare Hindernisse gibt. Oder wir müssen sagen: „Dann lasst uns doch nach universellen Werten suchen“, aber in dem Fall würde jeder Relativist à la Weber uns innerhalb von fünf Minuten ganz einfach vernichtend schlagen. Das ist genau das, was Russland aktuell auf globaler Ebene macht, wenn es gegenüber dem neoliberalen europäischen Diskurs eine zynische Haltung einnimmt: „Liberale universelle Werte? Um Himmels willen! Ihr glaubt doch selbst nicht wirklich daran. Erstens verratet ihr sie auf Schritt und Tritt, und zweitens gehen wir unseren eigenen Weg. Und, was sagt ihr dazu?“ Die Logik der Werte kann sich nicht gegen diese zynische Argumentation wehren, darum ist sie auch so überaus erfolgreich.

Aber diese Argumentation ist doch auch nicht unbegründet?

Sie nutzt die Schwachstelle der ganzen Werteideologie aus. Das Problem liegt darin, dass diejenigen, die sich dieser Sprache befleißigen, kaum eine Vorstellung davon haben, wie schwerwiegend die Konsequenzen dieser Sprache sind; sie verstehen nicht, dass es sich in Wirklichkeit um eine sehr gefährliche Theorie handelt. Weber und die Philosophie der Werte haben zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen, zu denen auch Carl Schmitt zählte, der dann nach dem Krieg die bekannte Schrift „Die Tyrannei der Werte“ verfasst hat. Schmitt war einer der größten Denker des vorigen Jahrhunderts. Er ist zwar umstritten, aber es empfiehlt sich, sein gesamtes Werk sehr aufmerksam zu lesen. Seine Argumente gegen Sprache und Logik der Werte habe ich zum Teil schon wiedergegeben: Einerseits setzen sie primär einen radikalen Konflikt und andererseits einen durchaus naiven Glauben daran voraus, dass man diesen Konflikt vermittels moralischer Begründungen oder „gesamtmenschlicher Werte“ zubetonieren könne. Schmitt kritisierte diese Sprache und erklärte, dass sie die Grundlagen für einen zukünftigen grausamen Krieg zwischen denjenigen, die sich für moralisch halten, und denjenigen schafft, die diese Menschen für amoralisch halten, weil sie nicht bereit sind, die universellen Werte zu teilen. Der Krieg im Namen universeller Werte ist der schrecklichste, den man sich vorstellen kann, weil es nichts Schrecklicheres als Krieg im Namen des ewigen Friedens gibt.

Also läuft ein Wertedialog immer auf Entfremdung hinaus?

Die Sache ist die, dass man in diesem Zusammenhang keine produktive Argumentation und kein einigendes politisches Handeln auf den Weg bringen kann. Es ist sehr einfach, mithilfe der Sprache der Werte zu argumentieren, warum es einen radikalen Bruch à la „Konflikt der Zivilisationen“ gibt, aber es ist sehr schwierig, hier eine einigende Logik aufzubauen. Sie haben ja das deutsche Grundgesetz erwähnt. Wieso hat Schmitt die Anwendungspraxis des Grundgesetzes im Nachkriegsdeutschland kritisiert? Weil angenommen wurde, dass das Gesetz erforderlich ist, um konkrete Werte umzusetzen. Er sagt: „Hört mal, mit euren Werten fallt ihr immer wieder auf die Nase. Ihr behauptet, dass es bestimmte universelle Werte gibt, und jemand, der sich nicht an unsere universellen Werte hält, der ist eben noch nicht so weit. So, und dann geht der Krieg los – zwischen denjenigen, die schon so weit sind, und denen, die noch nicht so weit sind. Ihr habt genau das getan, was ihr verhindern wolltet.“ Darum handelt es sich leider um ein gefährliches Wort. Ja, es ist allgegenwärtig, aber es ist gefährlich.

Das bedeutet natürlich keinesfalls, dass ein Dialog unmöglich ist. Ganz im Gegenteil, er ist möglich, und das in unterschiedlichen Formen – mögen es mal etwas expressivere, mal durchaus friedfertige sein, aber die Sprache der Werte eignet sich für diesen Dialog nicht besonders.

Sie meinen also, dass wir, weil wir diese Sprache benutzen, uns selbst in eine Begriffsfalle gelockt haben? Aber die Werte sind doch in völkerrechtlichen Dokumenten verankert. Gibt das nicht dem Westen, nennen wir ihn mal so, das Recht, von Russland die Einhaltung dieser Werte einzufordern?

Ist es überhaupt erforderlich, in diesem Zusammenhang Werte zu bemühen? Das bringt nicht wirklich viel. Wenn jemand etwas unterschrieben hat, dann sollte er sich daran halten. „Pacta sunt servanda“, so lautet ein ganz wichtiger Grundsatz des Rechts. Was haben Werte damit zu tun? Das, was man unterschrieben hat, muss eingehalten werden, und damit hat es sich.

 

Fortsetzung hier.

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