„‚Werte‘ ist ein gefährliches Wort“: Interview mit Dr. Greg Yudin (Teil 2)

Evgeniya SaykoZukunft der Demokratie Hinterlasse einen Kommentar

Dr. Greg Yudin wird in Russland als neuer Star der russischen Soziologie gefeiert. Er ist Professor für politische Philosophie an der Moskauer Schule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Moskau, unterrichtet an der Higher School of Economics (HSE) und forscht für seinen PhD an der New School for Social Research in New York. Der Philosoph und Soziologe warnt, dass die Gespräche über Werte immer in die Sackgasse führen und für die internationalen Beziehungen schädlich sind. In seinem Impulsreferat «Gefährliche Werte und die Falle des Wertediskurses»  wird er am 1. März 2018 bei derPodiumsdiskussion Wertediskurs mit Russland: was läuft schief?  seine Thesen näher erläutern.

Das Interview hat Dr. Evgeniya Sayko im Rahmen ihres Projektes „Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln“ geführt.

Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier.

Was steht dann aber hinter der zumindest deklarierten Ablehnung der sogenannten „europäischen Werte“ durch Russland?

Dahinter steht ein ziemlich durchsichtiger Komplex, der in Russlands Fall eine Doppelstruktur besitzt. Wjatscheslaw Morosow, ein herausragender politischer Denker, hat ein Buch unter dem Titel „Russland und die Anderen“ verfasst, in dem er aufzeigt, dass Russland mit zwei Komplexen behaftet ist. Einerseits hat Russland einen offensichtlichen imperialen Komplex, aber gleichzeitig auch einen offensichtlichen kolonialen Komplex.

Russland ist der seltene Fall eines subalternen Imperiums. Subaltern ist jemand, der untergeordnet ist, der eine kolonisierte und untergeordnete Stellung einnimmt. Wie verhält sich denn die russische Elite in der internationalen Politik? Sie lehnt alles ab, sagt immer, dass wir „ganz anders“ sind, aber wenn man sie fragt, wie „ganz anders“, dann bleibt sie eine Antwort schuldig. Das ist der typische Komplex einer Kolonie, die autonom werden möchte. Das kann man nachvollziehen, weil viele Menschen in Russland die seit den 1990ger Jahren herrschende Situation als den Versuch wahrnehmen, uns irgendetwas von oben beizubringen. Den Leuten gefällt es für gewöhnlich nicht, wenn jemand bei ihnen auftaucht und sie belehrt, vor allem, wenn sie sich nicht mehr so recht daran erinnern können, ob sie darum gebeten haben. Wir befanden uns in einer schwierigen Situation: In 1991 wollten wir wie die europäischen Länder und die USA sein und hatten auch den gemeinsamen Willen, etwas zu lernen. Aber dann kam ein Zeitpunkt der Enttäuschung, wir dachten nicht mehr daran, dass wir tatsächlich darum gebeten hatten, etwas beigebracht zu bekommen. Aber es kommen immer noch Leute, die sagen, ihr müsst euch so und so verhalten, weil ihr eine liberale Demokratie sein müsst, und wir bringen euch schon bei, wie das geht. Jeder Mensch, bei dem ungefragt jemand auftaucht, um ihn zu belehren, wird gereizt reagieren und sagen: „Nein, so bin ich nicht. Ich bin anderes. Bei mir wird das alles nicht funktionieren, weil ich anderes bin. Und überhaupt, eure Werte können mir gestohlen bleiben.“

Das Problem mit uns liegt nicht in dieser durchaus natürlichen Ablehnung, sondern darin, dass wir nicht sagen können, wie wir sind. Ich unterstütze die Idee, niemandem nachzueifern und eigenständig zu sein. Aber wenn die Frage „Wer bist denn du eigentlich?“ ohne Antwort bleibt, wenn nicht einmal der Versuch unternommen wird, sie zu beantworten, dann stehen die Dinge eher schlecht. Wogegen wir sind, das ist bereits klar – im Zweifel gegen alles. Aber wofür sind wir? Man sagt: „Für traditionelle Werte“. Leute, das ist jetzt nicht euer Ernst, oder? Vergleicht doch mal Deutschland und Russland – wo ist denn die Familie stabiler? Wo nehmen die Menschen mehr am Leben ihrer Gemeinde teil? Meint ihr wirklich, ihr könntet den Deutschen das beibringen, was ihr als traditionelle Werte bezeichnet?

Was verbirgt sich denn dann hinter dieser Verteidigung der traditionellen Werte?

Dabei handelt es sich um eine schwache und ziemlich oberflächliche Ideologie. Es ist nicht so, dass sie mit aller Gewalt durchgesetzt werden würde, aber es gibt Gruppen, die das versuchen.

Und das durchaus mit Erfolg…

Nein, wo denn? Wäre ein spürbares Erstarken der Religiosität zu beobachten oder spürbare Maßnahmen zur Festigung der Familie, dann würde ich sagen, ja, diese Ideologie zeigt Erfolge. Es sind aber keine da. Das ist Rhetorik, die nur einen einzigen Effekt hat, dass nämlich die Menschen permanent gegen einen erfunden „Westen“ aufgehetzt werden. Ich sehe nicht, dass die Menschen in Russland sich gesagt hätten, ja, wir schlagen jetzt diesen oder jenen Weg ein, wir machen etwas für unsere Familien, hören mit den Scheidungen auf, lassen uns etwas anderes für unser Sexleben einfallen… Es genügt, einen Blick auf die Lebensweise der russischen Elite zu werfen.

A propos – warum drehen sich die Diskussionen um die „europäischen Werte“, die uns angeblich gestohlen bleiben können, letztendlich immer nur um die gleichgeschlechtliche Ehe?

Weil das ein guter Polarisationspunkt ist. Wenn man das Bild eines radikal Anderen konstruiert, dem man sich entgegensetzen will, dann muss man sich in etwas verbeißen, das möglichst ungewohnt ist. In der UdSSR gab es keine Tradition der gleichgeschlechtlichen Ehe. Für Russland ist die Kultur der offenen Homosexualität ungewohnt, da kann man sich prima festbeißen – wobei die latente Homosexualität gleichzeitig sehr hoch ist.

Außerdem handelt es sich hierbei aktuell tatsächlich um einen neuralgischen Punkt der Liberalen, weil sie meinen, das es sich dafür zu kämpfen lohnt, dass das ein Raum für die Entwicklung europäischer Liberalität ist, ein Raum, in dem eine größere Gleichheit zwischen den Geschlechtern gewährleistet werden kann. Das ruft einen gewissen emotionalen Exzess hervor, denn dieses Thema ist emotional hoch aufgeladen.

Andererseits spricht Russland von Doppelstandards und Vertragsverletzungen, beispielsweise im Zusammenhang mit Jugoslawien.

Ich halte es folgendermaßen: Wenn man Kritik äußert, dann sollte man erst einmal erklären, wer man ist, von welchen Positionen aus diese Kritik geübt und was vorgeschlagen wird. Russland macht das nicht. Im Grunde hat diese Kritik viel Wahres, sie trifft auch da, wo es weh tut, aber Russland hat keine Position, von der aus diese Kritik produktiv werden könnte. Das Einzige, worauf sie fußt, ist die Haltung der permanent gekränkten Leberwurst. Mein Kollege Alexander Rubzow hat das Prinzip der aktuellen russischen internationalen Politik sehr gut auf den Punkt gebracht: „Wenn die das nicht dürfen, dann können wir das auch“. Hierbei handelt es sich um eine demonstrativ heuchlerische Position, der der Wunsch zugrunde liegt, sich selbst zu beweisen, wie ungerecht es auf der Welt zugeht. Alle belügen sich gegenseitig, dass sich die Balken biegen, im Wirklichkeit führen alle gegen alle Krieg, jeder will den anderen übervorteilen, das ist eine Welt, wo jedermann des anderen Wolf ist etcetera p. p. Und lasst uns jedes Mal daran leiden, leiden und leiden, aber Vorschläge werden keine gemacht.

Von russischer Seite erklingen Vorschläge, alles auf Null zu setzen und die Regeln neu zu schreiben.

Okay, dann legen wir mal los, aber was genau werden wir denn schreiben? Das ist Demagogie. Die russischen Eliten tönen permanent: „Uns passen eure Regeln nicht, wir wollen andere.“ – „Und welche Regeln wollt ihr?“ – „Eure Regeln passen uns nicht!“ – „Und welche wollt ihr dann?“ – „Eure Regeln sind Quatsch mit Soße!“ – Und so weiter und so fort. Alles, was von Russland in letzter Zeit ausgeht, ist Demagogie. Mir bereitet das große Schmerzen, weil die Welt tatsächlich Probleme mehr als genug hat, an deren Lösung sich Russland von der Idee her beteiligen müsste. Das hat Russland aber nicht vor. Russland hat vor, auf alle und alles eingeschnappt zu sein. Und ständig zu wiederholen, dass alle falsch liegen. Okay, dann liegen eben alle falsch, aber wie soll es denn weitergehen?

Gleichzeitig hoffen aber viele immer noch, dass Russland in Zukunft in Richtung „europäische Werte“ evolutionieren wird…

Klar, darin besteht ja die Idee der Modernisierung – sie setzt voraus, dass „wir noch nicht so sind, wie wir sein sollen“, aber wir werden schon mit der Zeit größer werden, so wie Kinder. Heute grassiert übrigens die schlimmste Fassung dieser Theorie, die darin besteht, dass wir von Natur aus oder genetisch anders sind. Kurzum, mit uns läuft irgendetwas vollkommen schief, wir sind ein absolut hoffnungsloser Fall usw. Das ist die Quelle einer furchtbaren Depression für einen großen Teil der russischen Gesellschaft.

Welcher Sprache sollen wir uns dann aber befleißigen? Sollen wir über allgemeine moralische und ethische Grundsätze sprechen, die uns einen könnten?

Ich finde, dass es eine ganze Reihe guter und erheblich vielversprechenderer Begriffe als die Werte gibt. Uns eint die gemeinsame Erfahrung, die gemeinsame Tat, die gemeinsame Kommunikation. Letztendlich ist es die Demokratie, die uns eint. Die Ideen der Selbstverwaltung, der Solidarität, des kollektiven Handelns verfügen über ein erheblich höheres Potential als die Sprache der Werte, die meines Erachtens vollständig in Verruf geraten ist.

Wie können wir der rhetorischen Sackgasse entrinnen, die Sie beschrieben haben? Gibt es eine Chance, die Begriffe neu zusammenzusetzen?

Meiner Meinung nach sollte jeder, der gegenwärtig in Russland Macht beansprucht, eine neue Sprache vorschlagen. Es liegt auf der Hand, dass wir uns mit der Sprache, die jetzt besteht, in einer Sackgasse befinden. Meine Hoffnungen verbinden sich damit, dass sich genügend Probleme – Ungleichheit, Willkür, fehlende Zukunftsvisionen – angesammelt haben, die eine neue Sprache nötig machen. Diese neuen Erfordernisse brauchen eine neue Sprache. Also werden wir neue Begriffe, neue Wörter und eine neue Sprache zu hören bekommen.

Könnte man nicht auch die alten Wörter rehabilitieren und ihnen ihren ureigenen Sinn wiedergeben?

Den ureigenen wohl kaum, denn ihr Sinn ändert sich ständig. Aber ja, die alten Wörter werden uns noch viele treue Dienste erweisen.

Empfehlen Sie mir also eine Umbenennung meines Projekts, das ich „Wertediskurs“ genannt habe, da eine Wertediskussion schädlich ist, wie Sie behaupten?

Sofern Sie als Forscher agieren, so handelt es sich genau um das, woran in letzter Zeit Mangel herrscht: die Analyse des Wertediskurses und dessen, wie er sich zusammensetzt. Es erscheint als selbstverständlich, dass Menschen Werte besitzen. Was aber meiner Meinung nach fehlt, ist die Betrachtung von Werten als diskursive Erscheinung, als etwas, das in der politischen Rhetorik und in der Ideologie entsteht, als Begriff, der eine bestimmte politische Last trägt und bestimmten Interessen dient.

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