Zuhören, annehmen, verstehen – Junge, neue Wege für eine deutsch-russische Verständigung

„Russland war, ist und wird die größte europäische Nation bleiben. Die von der europäischen Kultur leidvoll erkämpften Ideale der Freiheit, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Demokratie waren viele Jahrhunderte für unsere Gesellschaft maßgebende Wertorientierungen“.

Dieser Satz des russischen Präsidenten aus dem Jahr 2005 ist wie Balsam für die Seele der Europäer, egal, ob in West- oder Osteuropa. In den letzten Jahren werden in Russland jedoch Stimmen lauter, die meinen, dass das Land eigene Werte besitze. Währenddessen definiert sich die europäische Gemeinschaft über einen gemeinsamen Wertekanon.

Die Entfremdung zwischen Russland und Westeuropa wächst, Unverständnis und Misstrauen füreinander werden immer größer, vor allem, wenn von Werten die Rede ist. Die Situation wird dadurch erschwert, dass beide Seiten Unterschiedliches unter Begriffen wie Demokratie oder Menschenrechte verstehen. Es wird immer schwieriger, bei Gesprächen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es entwickeln sich parallele Narrative, Monologe statt Dialoge, da beide immer weniger die Hoffnung haben, vom anderen wirklich verstanden zu werden. Man redet übereinander, statt miteinander.    

Die Politik ist in einer Sackgasse gelandet. „Europa durchlebt die schwerste Krise seit dem Ende des Ost-West-Konflikts“, sagte Egon Bahr in seiner letzten Rede in Moskau im Sommer 2015. Umso wichtiger ist es heute, über politische Ansätze und Wege aus dieser Krise zu finden, auch auf lange Sicht, mit dem Ziel einer Verständigung der Jugend. Denn der aktuelle Konfrontationsdiskurs betrifft auch diejenigen jungen Menschen, welche die Politik der Zukunft bestimmen werden. Die Konflikte sind auch in deutsch-russischen Jugendvereinen vorhanden, während Lösungsansätze fehlen. Dieser eingeschlagene Weg muss dringend korrigiert werden. In unserer schwierigen Zeit der gegenseitigen Entfremdung werden Jugendbegegnungen, die Brücken für Morgen sind, mehr gebraucht denn je, jedoch mit einem anderen Ansatz, als bisher. Wir müssen lernen, uns zunächst miteinander zu verständigen, statt gleich einander überzeugen zu wollen.

Oft gehen wir mit dem Ansatz ins Gespräch, den anderen überzeugen zu wollen. Wir möchten die eigene, vermeintlich bessere Ansicht durchsetzen und versuchen unser Gegenüber zur eigenen Weltanschauung zu konvertieren. Dadurch kann beim Gegenüberstehenden der Eindruck erzeugt werden, wir wollten ihn belehren. Dem sogenannten „Westen“ werfen die Russen deshalb oft Arroganz und Überheblichkeit vor. Diese Vorwürfe betreffen insbesondere Diskussionen über Werte, bei denen viele Wörter zu Worthülsen geworden sind. Es ist an der Zeit, sie wieder gemeinsam mit Inhalt zu füllen.

Entscheidend ist dabei, bewusst und verantwortungsvoll mit Sprache umzugehen. Wir jonglieren oft mit abstrakten und komplexen Begriffen, ohne genau zu klären, was wir damit eigentlich meinen. Das führt manchmal zu Überraschungen, dass gleiche Wörter wie Demokratie, Zivilgesellschaft oder Toleranz von beiden Seiten unterschiedlich ausgelegt werden. „Die Deutschen und Russen sind im Wortgefängnis gefangen“, schrieb vor kurzem DIE ZEIT und benannte diese Entwicklung als eines der größten Probleme zwischen beiden Ländern.

Auf beiden Seiten herrscht große Enttäuschung: „Ihr seid doch gar nicht so wie wir.“ Es ist höchste Zeit, diese Andersartigkeit voneinander zuerst einfach zuzulassen und dann genauer zu schauen, worin die Differenzen eigentlich bestehen. Die vermeintlichen Unterschiede müssen konkret benannt und dadurch dekodiert werden, da Unterschiede auch ein Annäherungspotential für die Suche nach Gemeinsamen in sich tragen können. Gleichzeitig kann der Dekodierungsprozess zu dem überraschenden Ergebnis führen, dass man doch gar nicht so verschieden ist, wie man gedacht hat.

Auf dem mühsamen Weg der Verständigung brauchen vor allem junge Leute Unterstützung. Wir müssen ihnen daher dringend geeignete Rahmenbedingungen und Instrumente für diesen Austausch anbieten. Ermutigende Praxisbeispiele sind etwa das Europäische Jugendparlament und das Projekt demoSlam.

Seit 2004 ist die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa Dachorganisation des Europäischen Jugendparlaments oder European Youth Parliament (EYP) – ein Jugendnetzwerk in 40 Europäischen Ländern und mit jährlich 30.000 Teilnehmenden in 500 Veranstaltungen. In bunt gemischten internationalen Teams erarbeiten junge Menschen in mehrtägigen Sitzungen konsensbasierte Lösungsvorschläge zu europäische Fragestellungen. Im Rahmen dieser informellen politischen Bildungsplattform erlernen und erleben sie den friedlichen internationalen Dialog auf Augenhöhe. Die Veranstaltungen selbst werden ebenfalls von jungen Freiwilligen des Netzwerkes organisiert, die im gemeinsamen Projektmanagement als internationale Teams – und über die Grenzen zwischen Ost und West, Nord und Süd hinweg – eng zusammenwachsen und deren Freundschaften oft über Jahre erhalten bleiben.

Um über ernste Themen einmal anderes zu reden – vielleicht nicht so verbissen wie gewohnt, wurde das Format demoSlam ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei um ein alternatives Dialogformat für die Verständigung über kontroverse und konfliktgeladene Themen. Bei einem demoSlam arbeiten die Teilnehmer in deutsch-russischen Paaren ihr Verständnis von komplexen Begriffen wie Patriotismus oder Toleranz aus und stellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Wertevorstellungen in kurzen gemeinsamen Präsentationen dar, alltagsnah, persönlich und unterhaltsam.

Es geht in erster Linie um eigene Meinungen und Wahrnehmungen der Teilnehmer. Sie sollten nicht im Namen des deutschen oder russischen Volks, sondern nur für sich selbst sprechen. Das ist für junge Menschen überraschenderweise oft schwieriger, als sich hinter Allgemeinplätzen oder Expertenmeinungen zu verstecken. Aber genau dadurch werden diese abstrakten Begriffe mit Leben gefüllt, genauer mit dem Leben der Jugendlichen, mit ihren eigenen Erfahrungen, Beobachtungen, selbsterlebten Gesprächen oder Konflikten.

Da es um einen persönlichen Austausch geht, sind auch die Emotionen und Gefühle, die man sonst versucht zu ignorieren, willkommen. So kann man Dampf ablassen (denn die Emotionen und negative Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass man sie ausblendet, sie werden sich trotzdem früher oder später zeigen) und sie kanalisieren. Schließlich darf Humor nicht fehlen, da sich mit ihm einiges entschärfen lässt. Wie der Humor die Grenzen des Akzeptablen verschieben kann, ist schon seit der mittelalterlichen Karnevalskultur bekannt. Deswegen ist beim demoSlam auch etwas mehr erlaubt, als bei klassischen Formaten des Austausches wie einer Konferenz, oder einem runden Tisch. Kritik, die als Witz oder Anekdote formuliert ist, wird eher angehört, angenommen, oder sogar mit einem Lachen aufgenommen und nicht als ernste Kritik oder Vorwurf aufgenommen.  

Das alles hilft, Gespräche anderes zu gestalten. Die Einstellung: „Ich will Dich nicht zwangskonvertieren, sondern ich möchte Dir nur näherbringen, was ich eigentlich meine“, entspricht einem richtigen Dialog auf Augenhöhe. Dies gibt Spielraum für beide Seiten und öffnet Wege für Veränderungen. Denn unsere Ansichten, Wahrnehmungen und Werte sind nicht auf immer und ewig konstant. Sie verändern sich ständig. Die gemeinsame Reflektion auch über die Unterschiede, ihre Dekodierung und Suche nach einem gemeinsamen Nenner führen dazu, dass die demoSlam-Teilnehmer aus der Begegnung ein bisschen anderes herauskommen, als sie hineingegangen sind.

Wir müssen heute neu lernen, uns zu verständigen, Rahmen und Form, die angemessene „Verpackung“, finden, um eigene Ansichten näher zu bringen, sie so zu formulieren, dass der Andere das akzeptieren und nachvollziehen kann. Dies soll aber längst noch nicht heißen, dass diese übernommen werden müssen. Denn Verstehen ist nicht gleich einverstanden sein

Gerade heute brauchen wir möglichst viele solche Jugendbegegnungen und Gesprächsforen wie das Europäische Jugendparlament oder demoSlam, wo man den Dialog auf Augenhöhe führen kann: respektvoll, offen und mit der Bereitschaft, andere Meinungen zu zulassen. Der Ansatz, den anderen nicht sofort überzeugen zu wollen, sondern sich erst zu verständigen, hilft uns, uns richtig kennenzulernen, zu erfahren, wer wir eigentlich sind und mit wem wir es zu tun haben. Wäre vielleicht das ein Weg aus der Sackgasse?    

Dr. Evgeniya Sayko       
Kulturwissenschaftlerin und Gründerin des Formates demoSlam

André Schmitz-Schwarzkopf     
Vorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa

 

 Dieser Artikel wurde in Adelheid Bahr’s Buch „Warum wir Freundschaft mit Russland brauchen. Ein Aufruf an alle von Matthias Platzeck, Peter Gauweiler, Antje Vollmer, Oskar Lafontaine, Gabriele Krone-Schmalz, Peter Brandt, Daniela Dahn und vielen anderen“ veröffentlicht. 

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