Integrieren wir uns nicht alle?

Andrea StiebritzZukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts0 Comments

Am Samstag, den 13. Mai fand die erste Frühstücksdiskussion zum Thema Integration statt – aus gegebenem Anlass im Garten des Museums Angewandte Kunst Frankfurt, in dem noch bis 22. Mai der Container von Kitchen on the Run, einem Projekt des HIK-Pilotjahrgangs 2016/17, aufgestellt ist. Das internationale Frühstück und der hervorragende Mokka wurden den Gästen von Über den Tellerrand e.V. Frankfurt bereitet und lud zum Kennenlernen und anregenden Austausch über Integration und Integrationsarbeit ein.
Integration ist ein Thema, das viele Anwesende in ihrem beruflichen und privaten Alltag begleitet und das sie nicht erst seit den verstärkten Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre und der gerade wieder eingesetzten Leitkulturdebatte des Bundesinnenministers Thomas de Maizière beschäftigt. Im Container diskutierten die drei Podiumsgäste Dr. Rabea Haß, Simone Richter und Philip Badi Blom mit Dr. Andrea Stiebritz vom HIK, was Integration in einer Gesellschaft wie der deutschen bedeutet und wie Integrationsarbeit in unserem Land tatsächlich aussieht, wie sie erfolgreich gemacht werden kann und was wir als Gesellschaft tun können und müssen, um für eine gelungene Integration aller, seien es Neuzugewanderte, aber auch anders Denkende zu sorgen beziehungsweise um zu einem konstruktiven Dialog und Miteinander zu kommen.

Die Podiumsgäste kamen aus unterschiedlichen Bereichen, deren kreative Ansätze deutlich machten, dass Integration auf verschiedenen Ebenen stattfindet und dass Integrationsarbeit in Deutschland vielfältig ist.
Dr. Rabea Haß ist unter anderem Beraterin und Projektmanagerin im gemeinnützigen Bereich. Sie ist bei Über den Tellerrand aktiv und war Kollegiatin im HIK. In dieser Rolle führte sie 2016 das europaweite Integrationsprojekt Kitchen on the Run durch, das Geflüchteten und Beheimateten in fünf Städten von Italien bis Schweden die Möglichkeit gab, gemeinsam im Container zu kochen, sich und die doch sehr unterschiedlichen Kulturen kennen zu lernen und sich in einem der alltäglichsten Orte auf Augenhöhe auszutauschen, der Küche.

Als Vertreterin des Museums Angewandte Kunst (MAK) saß Simone Richter, Kunsthistorikerin und Kulturpädagogin, auf dem Podium, um unter anderem das gestalterische Engagement des Museums im Bereich Integration sichtbar zu machen. Sie arbeitet seit 2014 im MAK und leitet seit letztem Jahr die Abteilung Create Bildung und Vermittlung. Am MAK ist sie zudem verantwortlich für Places to See, bei dem 22 Frankfurter Kulturinstitutionen Geflüchteten die Möglichkeit bieten, die Kunst in Frankfurt näher zu bringen und schöpferische Orte des Austausches zu schaffen.

Der Schauspieler, Theaterpädagoge und Leiter des Projekts „Die Demokratieschützer“ des Vereins Creative Change aus Offenbach, Philip Blom, berichtete den Gästen, dass man mit Theaterprojekten in Schulen im ganzen Bundesgebiet Themen wie Integration und Demokratie, Ausgrenzung und Zugehörigkeit thematisieren kann und dass so junge Menschen für die Stärkung der Demokratie in unserer Gesellschaft erfolgreich sensibilisiert werden können.

Die Diskussion auf dem Podium und mit den Gästen zeigte, dass Orte wie eine Küche, ein Museum und ein Klassenraum eine wichtige Rolle bei der Annäherung und der Kommunikation von Menschen unterschiedlicher kultureller und gesellschaftlicher Hintergründe einnehmen. Es sind Alltagsorte, an denen man sich auf Augenhöhe begegnet und an denen man das entdeckt, was verbindet und eben nicht ab- und ausgrenzt: die Freude am gemeinsamen Kochen und Essen, die wir alle aus unseren unterschiedlichen Heimatkulturen kennen, die Begeisterung für das Spiel und das Eintauchen in eine andere Rolle sowie die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu nutzen, um Kunst nicht nur zu genießen, sondern sie selbst zu erschaffen.

Ein Punkt, der im Gespräch wiederholt betont wurde, ist, dass Integration entgegen vieler Meinungen aus Politik und Gesellschaft keine Einbahnstraße in eine Richtung ist, sondern ein Aushandlungsprozess, bei dem die „Verhandlungspartner“ eine gemeinsame Wertebasis aushandeln und vereinbaren, und in dem man von einem WIR und DIE zu einem UNS kommt. Alle drei wandten ein, dass eine allein auf messbare Kategorien konzentrierte Debatte und Ansicht zum Thema wie etwa abgearbeitete Asylanträge, Vermittlungen auf den Arbeitsmarkt, Anpassung allein durch Integrationskurse wenig ziel-, ja sogar irreführend sind. Und auch bei den Gästen im Publikum wurde die allzu eindimensionale Auseinandersetzung mit dem Begriff Integration kritisiert, unter anderem, dass wir allzu oft in der Debatte einem problematischen und veralteten Kulturbegriff anhängen, der nicht dazu führt, dass kulturelle Inklusion tatsächlich stattfindet, sondern schon allein der Begriff Integration in vielen gegenwärtigen Diskursen zu Exklusion führt, da Integration meist als etwas einseitiges und von oben verordnetes verstanden wird. Vielmehr sind wir alle ständig Teil von Integrationsprozessen, sei es als Neuzugewanderte, als Team an der Arbeit, wenn ein neuer Kollege hinzukommt, als Schulklasse, die eine Szene in einem Theaterstück immer wieder anders nachspielt oder als Museum, das mit einem erweiterten Publikum und dessen Bedürfnissen umgehen lernen muss.
Das Podium und die Gäste waren sich einig, dass das, was wir Integration nennen, nichts Statisches ist und dass, wenn sie gelingen soll, von einer Gesellschaft die Bereitschaft zu Veränderung abverlangt werden kann und muss. Dass dies geschieht, zeigen die vielfältigen Initiativen und Organisationen in Deutschland, die bei dieser Podiumsdiskussion stellvertretend durch Kitchen on the Run, Creative Change e.V. und dem MAK/Places to See sichtbar wurden.

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