Paartherapie für deutsch-russische Beziehungen

Michael KnollZukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts0 Comments

Es wird oft gefordert, dass man Verständnis für Russland braucht, um im Dialog zu bleiben. Meine Überzeugung ist: wir brauchen nicht nur Verständnis für Russland, wir brauchen Verständigung mit Russland. Das ist ein prinzipiell anderer Ansatz. Verständnis geht nur bis zu einem gewissen Punkt, nach diesem Punkt wird gesagt „ich habe kein Verständnis dafür“. Und dort wo Verständnis aufhört, gibt es nur einen Ausweg: ein langer mühsamer Prozess der Verständigung.

Viele sind heute ratlos, wie es weiter mit dem Dialog gehen soll. Dies war auch Thema bei den letzten Potsdamer Begegnungen, eine Konferenz des Deutsch-Russischen Forums. Wir spüren, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem es nötig ist, wie man auf Russisch so schön sagt, „сверить часы“ – „Die Uhren zu vergleichen“. Es wird viel über Politik geredet, aber es ist hilfreich, nicht auf der politischen Ebene oder nicht nur auf der politischen Ebene zu bleiben. Dieser sehr politische Diskurs macht deutlich, welche Missverständnisse es gibt und wie sie sich verfestigt haben. Einstein sagte: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“.

Wir sollten die „Uhren vergleichen“ mit den Grundbegriffen und Konzepten, die wir alle benutzen. Wir erleben eine Krise der demokratischen Rhetorik. Nicht die Demokratie ist in der Krise, sondern die Rhetorik darüber. Wie Sabine Fischer sagte, viele Wörter sind in unsrem Gebrauch zu Worthülsen geworden. Wir müssen uns mit diesen Wörtern auseinandersetzen, um ihnen wieder einen adäquaten Inhalt zu verleihen.

Begriffe sind Grundelemente eines jeden kommunikativen Prozesses. Wenn sie nicht geklärt sind, bereiten sie Missverständnisse auf dem Weg, so dass man kaum voran kommen wird.

Es ist bemerkenswert, mit welchen Wörtern wir in diesen Tagen über die deutsch-russischen Beziehungen gesprochen haben:  es ging um irrationale Ängste, sehr starke Emotionen, sogar Instinkte, „chronisches Misstrauen“ und „Müdigkeit, die zu einer Resignation führt“ usw. Es ist sehr psychologisches Bild. Wie einer der Teilnehmer der Konferenz sagte: „Wenn man Rückenschmerzen hat, sollte man zur Physiotherapie gehen“. Und wenn man in Beziehungen Probleme hat, da sollte Psychotherapie helfen. Und was macht man bei einem Psychoanalytiker? Beim Psychoanalytiker fängt man mit den grundlegenden Dingen an: sich mit den Assoziationen  und Vorstellungen, die für einen wichtig sind, zu beschäftigen.

Wie wäre es, wenn wir uns beim nächsten Treffen mit unseren Worthülsen auseinandersetzen? Zum Beispiel in einer AG –  also auf einer Couch – könnte man den Begriff „Internationales Recht“ und in der anderen „Pariser Charta“ behandeln. Vielleicht kann den deutschen-russischen Beziehungen diese Paartherapie helfen, Ängste, Missverständnisse und Misstrauen zu senken? Denn auch beim Worst Case „Scheidung“ wird keiner aus dem gemeinsamen europäischen Haus ausziehen können. Wir sind gezwungen, neu zu lernen, uns zu verständigen.

Ein ausführliche Dokumentation der letzten Potsdamer Begegnungen mit russischer Übersetzung findet sich hier: http://www.deutsch-russisches-forum.de/portal/wp-content/uploads/2017/10/Layout_September2017_12.pdf

Weitere Informationen über die Potsdamer Begegnungen: http://www.deutsch-russisches-forum.de/ueber-uns/taetigkeitsbereiche/potsdamer-begegnungen

(Evgeniya Sayko)

(c) Foto: Gortschakow-Stiftung

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