Viele Akteure – viele Meinungen

Anne-Marie KortasZukunft des gesellschaftlichen ZusammenhaltsLeave a Comment

Die Unterstützung bei der Integration von Geflüchteten ist immens. Zahllose Akteure sind involviert. Sie reichen von Ausländerbehörden, Job Centern, dem BAMF, den Wohlfahrtsverbänden, über Nachbarschaftsinitiativen, Asylbewerber, Geduldete, den Flüchtlingen mit Aufenthaltsstatus, den Bürgern, bis zu Unternehmen oder Stiftungen. Jeder von ihnen nimmt eine spezifische Rolle ein, erfüllt unterschiedliche Aufgaben und ist geprägt durch verschiedene Einstellungen sowie Bedürfnisse.

In Gesprächen mit ihnen wird schnell klar, was sie bewegt, stört und wie sie existierende Probleme angehen würden. Die Liste der Schwachstellen im Integrationsprozess ist lang und nach meiner Analyse umfasst sie aktuell bereits 13 Kategorien mit jeweils 3 bis 15 Unterpunkten. Diese beinhalten u.a. die Unterkunftssituation (Massenunterkünfte, schlechtes Essen und kurze Verträge zwischen den Trägern und der Kommune), die Ehrenamtlichen (Halbwissen, zu viel Engagement oder zu fluktuierendes Engagement) sowie komplexe und undurchsichtige bürokratische Prozesse. Dabei existieren einige Themen, die akteursübergreifend als problematisch angesehen werden – wie eben die Unterbringung der Geflüchteten in großen Hallen. Jedoch können auch starke Differenzen zwischen den Bedürfnissen der Akteure erkannt werden.

Beispiele für die Divergenzen

Viele Geflüchtete klagen über lange Warteperioden und Unklarheiten bei Entscheidungen. Sie fühlen sich als passive Zuschauer in dem deutschen bürokratischen System. Sie wollen aktiv werden – ihr Leben mitentscheiden. Verwaltungsbeamte hingegen beschreiben die Geflüchteten als zu ungeduldig und teilweise schlecht vorbereitet. Für sie besteht die Priorität darin, dass Geflüchtete die Regeln befolgen, Deutsch lernen und sich mehr gedulden. Sie sollen täglich ihre Post checken, notwendige Dokumente einreichen und z.B. bei einem Umzug die Adresse mitteilen. Wir erleben – der Wunsch nach Geduld und Ordnung vs. Langeweile und dem Verlangen nach mehr Selbstbestimmung.

Oder nehmen wir das Thema Freizeitbeschäftigung. Viele Ehrenamtliche bieten Aktivitäten an, um die Wartezeiten für Geflüchtete zu überbrücken. Dabei wünschen sie sich mehr Unterstützung von staatlicher Seiten und z.T. mehr Wertschätzung für ihre Tätigkeiten durch die Geflüchteten. Diese freuen sich über die Angebote, aber haben als Priorität den Aufenthaltsstatus, den Job oder die Familienzusammenführung. Dadurch werden die Angebote nicht immer als essentiell oder verpflichtend angesehen, was dazu führt, dass sie unregelmäßig daran teilnehmen oder kurzfristig absagen. Die staatliche Seite wiederum vermittelt öfter das Gefühl, die Ehrenamtlichen werden gut unterstützt und mehr Unterstützung würden sie nicht wollen, bzw. wäre nicht gut, da diese Art der Integrationsarbeit nicht von oben gelenkt werden kann. Auch hier prallen Welten aufeinander.

Die Divergenzen gehen in anderen Bereichen weiter – z.B. bei der Unterbringung – Schützt eine Wohnsitzauflage vor Ghettobildung oder zwingt sie Geflüchtete in Gebiete, in denen sie sich langweilen und aus Frust radikalisieren? Genauso offen ist die Antwort zu der Frage, was Integration bedeutet – anpassen der Geflüchteten vs. Öffnung beider Seiten? Je nachdem mit wem man spricht, erhält man unterschiedliche Antworten!

Verständnis & Kommunikation

Wie kann mit diesen Diskrepanzen umgegangen werden? Können alle Bedürfnisse befriedigt werden? Klar ist zunächst: kein Bedürfnis ist wichtiger als ein Anderes. Alle Probleme sind Teil eines großen Puzzles und sie alle müssen angegangen werden. Dabei braucht es Zeit, denn es kann immer nur ein Aspekt nach dem anderen bearbeitet werden. Das heißt alle Akteure müssen zurückstecken, warten und akzeptieren, dass andere Menschen mal Vorrang haben.

Gleichzeitig muss besser kommuniziert werden, warum gerade an einem Thema gearbeitet wird – und zwar akteursübergreifend. Die Überlegungen und Anstrengungen dürfen nicht im Leisen vor sich gehen, sondern es muss laut dargelegt werden, dass sich aktuell Millionen von Menschen engagieren, um die Geflüchteten in Deutschland aufzunehmen. Die dabei eingeschlagenen Wege, mit denen sich nicht immer alle identifizieren, können aber nur jedem verständlich werden, wenn darüber gesprochen wird.

Es ist ein weiter Weg, der vor uns liegt und viele Brücken gilt es noch zu bauen. Doch die Diskrepanzen sind nicht unüberwindbar, sie können nur nicht auf einmal überwunden werden.

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