Von Fischen, Anglern und Integration: Wie Arbeitgeber zu Engagement motivieren können

Michael KnollZukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts Hinterlasse einen Kommentar

„Der Köder muss schließlich dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Irgendwann zwischen Post-it-Kleben und Ideen-Design stand diese Weisheit im Raum. In Berlin und Frankfurt hatten meine Mit-Kollegiatin Anne-Maria Kortas und ich in den letzten beiden Wochen je ein Werkstatt-Treffen mit Vertreter*innen aus Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen sowie Ehrenamtlichen organisiert. Mein Ziel war es herauszufinden, welche Erfahrungen die verschiedenen Akteure mit Corporate Volunteering im Integrationsbereich gemacht hatten und welche Bedarfe sie sahen. Anne-Maries Ziel war es, Methoden der Bedarfsanalyse an neuen Fragestellungen und in heterogenen Gruppen zu erproben.

Und jetzt Angler und Fische?

In der Tat hatte ich in den letzten Monaten zeitweise das Gefühl gehabt mit meinem Projekt ‚Corporate Volunteering for Intercultural Encounters‘ „im Dunkeln zu fischen“. In den verschiedenen, nicht selten widersprüchlichen Erwartungen, die an das Konzept gestellt werden, kann man leicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass Corporate Volunteering immer nur ein Weg zum Ziel, nicht das Ziel selbst ist – eine wichtige Leitlinie, die in den Werkstatt-Treffen betont wurde. Klarheit und Transparenz der Interessen und Wirkung, die die Beteiligten erreichen möchte, bedingen den Erfolg ganz besonders in sektorenübergreifenden Kooperationen und so kam das Thema Wirkungsmessung immer wieder zur Sprache.

Klarheit beginnt bei der Definition, was Corporate Volunteering überhaupt ist. In meinem Projekt meint es: Arbeitgeber fördern, dass ihre Mitarbeiter*innen sich zivilgesellschaftlich engagieren. Der Arbeitgeber quasi als Wegbereiter für gesellschaftliches Engagement. Die Ausgangsfrage meines Projekts lautet, inwiefern Arbeitgeber und gemeinnützige Organisationen durch Kooperationen in der Lage sind, mehr Bürger*innen aktiv in den Integrationsprozess von nach Deutschland geflüchteten Menschen einzubeziehen. Denn eine aktive Demokratie und das Aushandeln von politischen Debatten leben jeden Tag im Engagement von Menschen für ihre Gesellschaft.

Was für Engagement häufig fehlt ist Zeit. Viele Menschen haben das Gefühl, zwischen den Anforderungen im Job, in der Familie und bei Freizeitaktivitäten kaum zum Durchatmen zu kommen. Doch Zeit ist es, die gesellschaftlicher Zusammenhalt braucht, um gedeihen zu können. Zeit, um sich kennenzulernen, Zeit, um sich zu verstehen. Wenn unsere schnelllebige Arbeitswelt nun aber immer mehr von unserer Zeit einfordert, wie vereinbaren wir Arbeit und Gesellschaft?

Indem wir uns zusammentun und Menschen in ihrem beruflichen Umfeld Impulse für gesellschaftliches Engagement anbieten. Die Teilnehmer*innen der Werkstatt-Treffen waren sich einig: Engagement im Bereich Integration muss langfristig und nachhaltig sein. Hier dürfen vor allem die gemeinnützigen Organisationen nicht ihre Wirkungsziele aus den Augen verlieren und sollten selbstbewusst auch mal Nein sagen, wenn eine Corporate Volunteering-Anfrage ihre Kapazitäten übersteigt oder zusätzlicher Aufwand nicht angemessen kompensiert wird. Niederschwelligen Aktionen zum Engagement-Schnuppern können aber ebenfalls ihre Berechtigung haben, wenn sie als Engagement-Zünder wirken und weiterführende Engagement-Möglichkeiten aufzeigen.

Engagierte Mitarbeiter*innen sind wertvoll: Menschen, die gelernt haben, die Perspektive zu wechseln, sich auf Unbekanntes einlassen können und Ambiguität aushalten, reflektieren auch ihre beruflichen Rollen intensiver und zeigen Empathie und Resilienz in Interaktionen. Engagement im Integrationsbereich fördert darüber hinaus in ganz besonderer Weise interkulturelle Kompetenz. Gute Gründe, den Mitarbeiter*innen attraktive Angebote zu machen. Die Werkstatt-Treffen haben hierfür folgende Erfolgsfaktoren identifiziert:

  • Klare Strukturen, die wechselseitige Lernerfahrungen erleichtern
  • Spaß und Erfolgserlebnisse
  • Glaubwürdigkeit des Engagements, abseits von Öffentlichkeitswirksamkeit
  • Nachhaltige Wirkung
  • Aktive Einbeziehung von Mitarbeiter*innen, Zielgruppen und Netzwerken bei der Konzeption, um auf bestehenden Interessen und Aktivitäten aufzubauen

So wirken engagierte Mitarbeiter*innen als Multiplikator*innen, genau wie intrinsisch motivierte Ansprechpartner*innen innerhalb aller beteiligten Organisationen und Unternehmen. Diese Menschen sind Schlüsselfiguren auf einem gemeinsamen Weg zu einem besseren Wir.

An einem besseren Wir arbeitet das deutschlandweite Netzwerk von Über den Tellerrand schon seit 2013. Unsere Erfahrung ist, dass positive ‚Begegnungen auf Augenhöhe‘ zwischen geflüchteten und beheimateten Menschen zu selten zufällig passieren. Neben Zeit brauchen sie auch Raum. Raum, an dem sich alle Beteiligten willkommen und wohl fühlen und an dem Fragen von Status und persönlicher Lebenswelt zumindest zeitweilig in den Hintergrund rücken. Es wird also im weiteren Verlauf meines Kollegjahres darum gehen, Raum und Zeit zusammenzubringen. Und zwar so, dass es allen schmeckt.

(Marieke Schöning)

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