Warum Migration bei uns ein Problem ist – und eigentlich überhaupt nicht sein müsste Teil I

Dieser Artikel wurde verfasst von Stefan Mekiffer, Ökonom, Kulturwissenschaftler, Philosoph und Autor. Im Rahmen des Hertie Innovationskollegs betrieb er das Projekt Refugee Open Citites, in dem er gemeinsam mit Geflüchteten in Unterkünften Gemeinschaftsräume gestaltete. Er lebt in Berlin und Waldeck.

Seit 2015 sind über eine Million Menschen nach Deutschland geflüchtet. Seitdem werden die Debatten, wie die Politik darauf zu reagieren hat, zunehmend dominiert von Begriffen wie „Integrationswille“, „Obergrenze“ und „Abschiebung“. Die Botschaft dahinter: Migration ist ein Problem – ein Problem, das wir irgendwie bewältigen, dessen wir Herr werden müssen. Unterkünfte müssen organisiert, Asylanträge bearbeitet, Arbeitskräfte geschult, Arbeitsplätze geschaffen, Menschen integriert werden – was für ein Aufwand! Darauf sagen die einen: Wir schaffen das! Und die anderen sagen: Warum tun wir uns das eigentlich an?

Diese Annahme bestimmt gegenwärtig den Diskurs um Migration in Deutschland. Aber damit führen wir eigentlich die falsche Diskussion, denn diese Annahme ist verkehrt. Wir gehen davon aus, dass die Geflüchteten vor allem ein Problem sind – tatsächlich sind sie aber eine historische Chance. Es ist unser falscher Ansatz der Problemlösung, der aus dieser Chance überhaupt ein Problem macht. Und deswegen verpassen wir es auch, gemeinsam mit den Neuankömmlingen eine positive Vision zu finden und diese anzugehen.

Wie aber könnte diese aussehen? Was wäre die geeignete Politik, wenn Geflüchtete nicht als Problem, sondern als Potential betrachtet würden?

Diese beiden Blogbeiträge sollen der Problem-Annahme eine andere gegenüberstellen. Teil I zeigt, dass Migration keine Gefahr, sondern eine Möglichkeit darstellt – weil Migrantinnen und Migranten Erfahrungen, Talente, Fertigkeiten und Motivationen mitbringen, die ihrer alten und neuen Heimat nützen können. Und Teil II wirft einen Blick auf die gegenwärtigen Strukturen, die Geflüchtete vorfinden und die das negative Bild der Geflüchteten produzieren – und skizziert, wie sie eigentlich aussehen könnten und vernünftigerweise aussehen sollten.

 

Teil I: Historisch und ökonomisch betrachtet ist Migration fast immer ein Gewinn für das Zielland.

Eigentlich machen das schon basale Vergleiche deutlich – wir Menschen lernen und wachsen schließlich nicht in Abschottung, sondern im Dialog und im Austausch miteinander. Wie kann sich eine Gesellschaft schneller entwickeln und an Wissen gewinnen als im Dialog und im Austausch mit anderen Gesellschaften? Auch in der Biologie findet Evolution nicht zuletzt durch Austausch von DNA über Grenzen von Arten und Spezies hinweg statt. Warum sollte das bei Menschen anders sein?

Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt die vielen Beispiele, in denen Migration als Katalysator für Gesellschaften gedient hat. Das hohe intellektuelle Niveau des Griechischen, Römischen und des Osmanischen Reiches lassen sich beispielsweise nicht zuletzt durch den regen Gelehrtenaustausch erklären, den der interne Migrationsverkehr dieser Weltreiche ermöglichte. Doch das betraf nicht nur Gelehrte: Gerade im alten Rom mit seinem langen Militärdienst ließen sich viele Legionäre, die jahrelang in einem Gebiet fern ihrer Heimat stationiert waren, dort nieder und gründeten Familien. So gesehen ist Migration das Kernstück, der die verschiedenen Regionen zu einem Reich machte.

Aber auch Vertriebene haben immer wieder maßgeblich zur Entwicklung ihrer neuen Heimat beigetragen. Die Hugenottinnen und Hugenotten, aus Frankreich vertriebene Protestantinnen und Protestanten, lieferten beispielsweise im 17. Jahrhundert wichtige Impulse für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands indem sie die Seiden- und Tabakproduktion einführten. Das Beispiel zeigt auch die hohe Fähigkeit von Gesellschaften, Vertriebene aufzunehmen – wenn denn das Interesse da ist: So hat Frankfurt am Main, damals noch ein Städtchen mit dreißigtausend Menschen, im Jahre 1685 über hunderttausend Hilfesuchende aufgenommen und versorgt.

Das heute offensichtlichste Beispiel für den kulturellen Gewinn von Migration sind (noch) die USA, die nicht zuletzt durch ihre Vielfalt, Toleranz und Diversität im 20. Jahrhundert die in verschiedenen Bereichen führenden Köpfe angezogen oder hervorgebracht haben. Unter denen, die einen Nobelpreis tragen, sind Migrantinnen und Migranten dreimal häufiger vertreten als ihrem statistischen Anteil in der Bevölkerung entspräche. Dasselbe gilt für Mitglieder der National Academy of Science und für Preistragende des Academy Awards. Aber auch Deutschland ist seit 1955 ein Einwanderungsland gewesen, dessen Wirtschaftswunder wohl nicht zuletzt durch das Anwerben zahlreicher Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen ermöglicht wurde.

Oft ist es gerade der interkulturelle Austausch, der Einsichten und Produktivität erzeugt. Ohne den Einfluss vieler anderer wichtiger Faktoren herunterspielen zu wollen, und auch wenn dieser Satz eine Übertreibung darstellt, ist er im Kern richtig: Überall dort, wo Grenzen fallen oder Menschen sie überqueren, florieren Wissen und Wirtschaft.

Diese Beobachtungen lassen sich auch in bare Münze umwandeln: Die Weltbank berechnet, dass Migrantinnen und Migranten nicht kurz-, aber mittel- und langfristig mehr zum Staatshaushalt beitragen als sie nehmen; sie zahlen mittelfristig mehr Abgaben als ihre Aufnahme, Ausbildung und Integration gekostet haben. Die Autorinnen und Autoren der Studie prognostizieren sogar, dass, wenn man alle Grenzen öffnen und sich alle Menschen frei bewegen lassen würde, die globale Wirtschaft innerhalb von 25 Jahren um 39 Billionen Dollar (das ist die Zahl mit den 12 Nullen) allein davon wachsen würde.

Zwar ist der Einwand berechtigt, dass Migration oft kein Austausch, sondern eine einseitige Bewegung ist, und daher oft die führenden Köpfe eben die Länder verlassen, von denen sie am am dringendsten gebraucht werden – aber gern wird bei diesem Einwand vergessen, dass oft auch die ehemalige Heimat zumindest finanziell von Migrantinnen und Migranten profitiert. Diese senden nämlich häufig Geld an ihre hinterbliebenen Angehörigen, deutlich mehr als landläufig angenommen: 442 Milliarden Dollar wurden 2016 in Entwicklungsländer als Unterstützung an die Hinterbliebenen rücküberwiesen (so wieder die Weltbank). Zum Vergleich: Die weltweite Entwicklungshilfe betrug im selben Zeitraum nur ein Drittel dieses Betrags, nämlich 131 Milliarden Dollar. Zudem kann man annehmen, dass das Geld von der jeweiligen Familie oft effektiver genutzt wird als staatliche Entwicklungsprogramme, die durch lange Verwaltungsstrukturen laufen.

Ebenfalls ist der Einwand berechtigt, dass nicht alle Migrantinnen und Migranten gut ausgebildete Fachkräfte sind (obwohl gerade unter den syrischen Geflüchteten, die zuletzt vermehrt in Deutschland angekommen sind, viele hochqualifizierte Ärztinnen, Ingenieure und Handwerkerinnen sind, die von bürokratischen Hürden daran gehindert werden, in den eigentlich fachkräftehungrigen Arbeitsmarkt eingebunden zu werden). Aber ungebildete Menschen können ausgebildet werden, was in jedem Fall einen positiven Effekt hat; egal ob die Menschen bleiben und hier zum Wohlstand beitragen oder ob sie die neuerworbenen Fertigkeiten irgendwann wieder in ihre Ursprungsländer zurücktragen. Konkurrenz machen sie damit fast niemandem – empirische Studien zeigen, dass Immigration auch von ungelernten Arbeitskräften keine negativen Auswirkungen auf die hiesigen Gehälter hat. (Einzige Ausnahme sind bereits erwerbstätige ehemalige Migrantinnen und Migranten, die durch vermehrte Immigration unter Konkurrenzdruck gesetzt werden, weil sie in denselben Sektoren arbeiten – aber diese sind meistens solidarisch mit ihren Schicksalsgenossinnen und Mitleidenden.)

Ökonomisch gesehen spricht wirklich wenig gegen Migration. Das merkt man eigentlich schon an den oft unsachlichen Plädoyers für abgeschottete Grenzen. „Die Migranten nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg“ wird direkt skandiert neben „Die wollen doch nur in unser Sozialsystem einwandern.“ Mal abgesehen davon, dass es schon eine abenteuerliche Vorstellung ist, dass Menschen ihr Leben hinter sich lassen, Monate in Bahnwagons leben und hunderte Euro in einen Sitzplatz für eine lebensgefährliche Mittelmeerüberfahrt auf einem überfüllten Kutter investieren, nur mit der Absicht, dann in Deutschland einen kläglichen Hartz IV-Satz von 416 Euro zu beziehen – ist es nicht ein Widerspruch in sich, dass den Geflüchteten sowohl zu viel Fleiß als zu viel Faulheit unterstellt wird? Nehmen uns die Geflüchteten nun die Arbeitsplätze weg, oder wollen die nun alle von Sozialhilfe leben? Hier verwickeln sich viele Gegnerinnen und Gegner der Migration in widersprüchliche Argumentationen.

Aber: Ob Migration eine Erfolgsstory ist oder nicht, lässt sich nicht alleine mit Zahlen und Geldern messen. Niemand flieht ohne Grund, fast alle Menschen bringen daher Hoffnungen, Wünsche und Ambitionen mit. Ob alle von der Migration profitieren hängt weniger von denen ab, die kommen, als von denen, die schon da sind. Werden die Geflüchteten willkommen geheißen? Werden ihnen Chancen gegeben? Wird ihnen ermöglicht sich einzusetzen; zahlt sich ihr Einsatz aus? Das ist eine Frage der Willkommenskultur und der kulturellen Selbstbezogenheit eines Landes; aber es ist auch eine Frage der formellen und praktischen Politik. Warum es hier hapert und wie diese Politik besser gestaltet werden könnte – davon handelt der nächste Beitrag.

Zum Weiterlesen:
Ian Goldin, Geoffrey Cameron & Meera Balarajan, 2012: Exceptional People. How Migration Shaped Our World and Will Define Our Future. Princeton University Press.
Philippe Legrain, 2014, Immigrants: Your Country Needs Them. Princeton University Press.
Philipp Ther, 2017, Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Suhrkamp.

Teil II: Der bessere Masterplan von der Reihe Warum Migrationbei uns ein Problem ist – und eigentlich überhaupt nicht sein müsste wird am Montag, 26. November 2018, veröffentlicht.

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